Kultur : Rot als bewegende Dimension

JULIA REHDER

Wie flüssiges Blut spritzen die Wörter "crime" und "cry" aus ihrem Mund.Joséphine Evrard spuckt gleich noch einige unverständliche Sprachfetzen hinterher.Sie liegt auf einer Matte am Boden und wälzt sich in Ekstase, um kurz darauf ihre Gliedmaßen dem luftleeren Raum entgegenzustrecken.Zusammen mit Andreas Müller, Susanne Martin und Riccardo Morrison setzt sie in dem Tanztheater "Iosis" die Nuancen der Farbe Rot tänzerisch um.Dabei reicht die Assoziationsbreite von samtweicher Erotik bis hin zu aggressionsgeladenen Hilferufen.Der Blickwinkel ist stark individuell gefärbt, jeder der Tänzer der Kreuzberger Tanzfabrik eröffnet eine neue Dimension der Farbe Rot, gibt ihr eine subjektive Schattierung.Und im Schatten des anderen bewegen sie sich auch, nur selten offenbaren sie ihre Erlebniswelten im Zweiklang.Lassen sie sich auf diese Zweisamkeit ein, flammt eine neue Intensität auf.Die Bewegungen werden geschmeidiger, ziehen einander an, ohne den Spannungsrahmen zu überdehnen.

Rhythmische Musik unterstreicht den pulsierenden tänzerischen Ausdruck.In einem bezaubernden poetischen Moment verstärkt Alexander Borodins sanfte Klassik die innere Offenbarung.Töne aus dem Off signalisieren den medizinischen Kontext des Farbexperiments: "Abnormale Leberfunktion, Halluzination, Nervosität und Psychose" verheißen nichts Gutes und verdichten sich zu einem wiederkehrenden Klangteppich.Auch mit Bildern wird der physiologische Aspekt transportiert.Dias von Venen und roten Blutkörperchen tauchen die Akteure in rotes Flimmern und verwandeln sie zu medizinischem Beweismaterial.Eine reale und deshalb furchtfreie Herangehensweise."Für mich war der Zugriff zu dem Thema körperlicher Natur", erklärt der Choreograph Dieter Heitkamp.Zu dieser getanzten Farbanalyse inspirierte ihn die Arbeit des Filmemachers und Malers Derek Jarman.Heitkamp knüpft damit an sein Tanztheaterstück "Principal of Moments" (1995) an, in dem er sich der Farbe Blau widmete.

Doch auch wenn diesmal die Farbe Rot im Mittelpunkt der Betrachtung stehen soll, sehen die Zuschauer des Kreuzberger Tanztheaters (die am selben Abend auch Helge Musials "Ikarus"-Choreographie vorgesetzt bekommen) noch lange nicht immer rot.Viel häufiger wird ihnen grün präsentiert."Die Farbe Rot wird, so denke ich, gerade durch ihre Abwesenheit sichtbar.Vor allem, wenn man ihr grün als Komplementärfarbe gegenüberstellt", beschreibt der Tänzer Andreas Müller seine Wahrnehmung.Als Vorbereitung für das Stück hat das Tanzquartett in den eigenen Körper hineingehorcht, versucht, venöse und arterielle Fließrichtungen zu unterscheiden und diese in Bewegungsmaterial umzusetzen.Als Ergebnis entstanden zwei Ebenen des Ausdrucks: Sobald das Blut in Richtung Herz strömt, assozierten die Tänzer feurige Bewegungen, wie sie vor allem im südamerikanischen Tanz vorkommen.Fließt das Blut vom Herzen weg, herrschten in der Imagination der Darsteller Standbilder vor, die dennoch mit wacher Präsenz erfüllt sind.So war es fast überflüssig, daß im Lauf des Stücks eine Stimme im Hintergrund dem Publikum verriet, es handle sich bei der Tanzperformance um eine "story about commitment".Daß die Tänzer in ihrem Element waren, sich im Vertrauen auf ihre eigenen Körperlichkeit verzehrten, stand von Anfang an außer Frage..

Erneut am 30.und 31.10., 20.30 Uhr.

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