Kultur : Rot Grün Gold

Wahltipps einer Philosophin: Susan Neiman stellt ihr Deutschland-Buch „Fremde sehen anders“ vor

Marius Meller

Was wäre, wenn wir plötzlich einsehen würden, dass die deutsche Krise eine typisch deutsche Zwangsvorstellung ist? Was wäre, wenn das riesenhafte deutsche Käfertier eines Tages aus unruhigen Träumen erwachen und sich in einen braven Versicherungsangestellten verwandelt finden würde – in jemand rundum normalen? Würden wir dann Deutschland anno 2005 einmal in anderen als in katastrophalen Szenarien beschreiben können, endlich Abschied nehmen von den gefühlten Weimarer Verhältnissen, von all den Barrikaden-Aufrufen und Machtergreifungs-Gespenstern? Und: Würde dann womöglich Rot-Grün doch noch die Wahl gewinnen?

Susan Neiman – Leiterin des Berliner Einstein-Forums mit israelischem und USamerikanischem Pass – meint, das könne durchaus möglich sein, und versucht sich mit ihrem im Eiltempo publizierten Essay „Fremde sehen anders“ (Suhrkamp, 120 Seiten, 9 Euro) kurz vor der Wahl als behutsame wie entschlossene Wachrüttlerin des maladen deutschen Seelenlebens. Als Kantianerin will sie die Hoffnung nicht aufgeben: Am Ende gibt sie eine eindringliche Wahlempfehlung.

In der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stellte sie am Dienstagabend im charmanten Trio mit „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann und Moderator Stephan Detjen ihr Buch vor. Und manchem, ob ihres uramerikanischen Optimismus’ euphorisierten Besucher wollte der nach wie vor funktionstüchtige Paternoster des Akademiegebäudes am Gendarmenmarkt als entspannte Metapher für ihre Sicht der deutschen Dinge erscheinen: Was behaglich kreist, kann auch nicht abstürzen. Neiman lässt ein ganzes Netzwerk von amerikanischen Kollegen zu Wort kommen, das sich wie ein Who-Is-Who der prominenten, liberalen US-Intelligenz liest: Neiman-Freunde Richard Rorty, Tony Judt, Sander Gilman und viele andere fungieren als Ko-Therapeuten. Sie alle stützen Neimans These einer fundamentalen Wahrnehmungsverzerrung der Deutschen. Deutschland habe in den letzten sieben Jahren ein kaum zu überschätzendes internationales Renommee erlangt – nicht nur in den (liberalen) USA und in Israel –, das aber im Lande selbst keiner wahrnehmen will.

In Sachen Außenpolitik singt die versammelte Liberalität das Hohelied von Kanzler Schröder und Außenminister Fischer als den mutigen Balkan-Helden und Irakkriegsdienstverweigerern, speziell von Joschka als Inkarnation der vertrauensbildenden Maßnahme. 60 Jahre deutsche Selbstkritik und moralische Selbstprüfung seien in der rot-grünen Ära symbolpolitisch zu sich selbst gekommen. Und die Distanz zu Bushs Außenpolitik habe globale Bedeutung. Deutschland sei „erwachsen geworden“.

Innenpolitisch überzeugt Neiman mit ihrem Aufruf zur „entdämonisierten Diskussion der Arbeitslosigkeit“. Die Deutschen hätten „die Vorzüge des deutschen Sozialstaats“ nicht wirklich begriffen. „Man kann nur verteidigen, was man richtig gewürdigt hat“ – und schon gar nicht notwendige Einschränkungen gelassen hinnehmen, ohne gleich vor „weimarischen Dimensionen“ zu erschauern.

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Der „Economist“ zeigte jüngst den mit nachgewachsenen ökonomischen Muskeln spielenden Bundesadler auf dem Frontcover. Doch die Einsicht, dass Deutschland nach außen und im Inneren durch Rot-Grün eine Aura der liberalen Verlässlichkeit ausgebildet hat – zumindest in den Augen von Neiman und ihren Freunden – , sie wird kaum das Ruder herumreißen. Aber, wie Neiman sagte, „die Deutschen sollten stolz darauf sein“.

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