Kultur : Rot macht high

Der Maler Rupprecht Geiger wird heute 95 Jahre alt

Katrin Wittneven

Farbe ist für Rupprecht Geiger weit mehr als das blanke Kolorit: „Farbe hat wie Licht Anspruch, in die Reihe der Elemente eingestuft zu werden – Feuer, Wasser, Luft, Farbe, Licht und Erde.“ Und dass Licht in Geigers Aufzählung ebenfalls den Lebensgrundlagen zugeordnet wird, davon erzählen seine scheinbar von innen her leuchtenden Bilder. Grelles Pink changiert in stufenlosen Übergängen zu warmem Rot. Ein heller gelber Farbkreis wird orange, ein warmer Ton kalt. Dem 1908 geborenen Münchner Maler haben es vor allem die Rottöne angetan: „Rot ist die Farbe, Rot ist schön. Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft. Rot macht high.“

Bereits 1952 hatte Geiger begonnen, mit fluoreszierenden Tageslichtfarben zu arbeiten, deren Signalkraft noch heute vor allem in der Werbung zum Einsatz kommt. Sein künstlerischer Weg hatte 1941 begonnen, als der gelernte Architekt und Sohn des Münchner Künstlers Willi Geiger als „Kriegsmaler“ an die Ostfront geschickt wurde. Die Kriegszeit verbrachte er in Russland und der Ukraine, anschließend in Griechenland. Angesichts des Grauens war für den Autodidakten die Malerei „eine Art Therapie, aus dieser scheußlichen Kriegssituation wenigstens gedanklich herauszukommen“.

Auch wenn die Weite des Himmels, besonders die Morgen- und Abendstimmungen, und die unendlich scheinenden Landschaften Geigers Farbempfinden prägten, bekannte er sich nach dem Krieg zur gegenstandslosen Malerei und gehörte 1949 zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe „Zen 49“, zu der auch Willi Baumeister und Fritz Winter zählten.

Geiger experimentiert mit Bildformaten und löst die Form der rechtwinkligen Leinwand zu großen trapezförmigen Formaten. Mitte der Sechzigerjahre vervollkommnet er seinen malerischen Ansatz mit neu entstandenen Spritztechniken. Obwohl er bereits 1959 an der documenta II teilnahm – drei weitere Teilnahmen sollten folgen –, arbeitete Geiger zunächst weiter als Architekt. 1965 bietet ihm die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf eine Professur für Malerei an, wo er bis 1976 lehrt. Es folgten zahlreiche wichtige Einzelpräsentationen: 1965 im Vonder-Heydt-Museum Wuppertal, 1967 in der Kestner-Gesellschaft Hannover, 1978 im Lenbachhaus München, 1985 in der Akademie der Künste Berlin und der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf, 1988 im Haus der Kunst München und 1994 im Russisches Museum St. Petersburg. Doch längst haben seine meditativen Werke die musealen Schutzräume verlassen. 1971 entstand in einer Kirche in Ibbenbüren ein großer „Roter Punkt“, 1987 in München die Großplastik „Gerundetes Blau“. Seit 1999 hängen in einem Protokollraum des Berliner Reichstages die Wandarbeit „Rot 2000, 875/99“. „Oh! Young art", soll sich der Architekt I. M. Pei angesichts der großformatigen Farbfriese gefreut haben.

Heute feiert Rupprecht Geiger seinen 95. Geburtstag. Katrin Wittneven

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