Kultur : Rot war die Farbe dieses bunten Vogels

Rebellieren ist immer gerecht: zum Tod des Berliner Politologen Johannes Agnoli

Ekkehart Krippendorff

Niemand war vom Habitus so weit davon entfernt, ein Professor zu sein, wie Johannes Agnoli – und doch war er einer der besten im echten Wortsinn des Bekenners: ein Lehrer, bei dem man den Vollzug der Gedanken miterleben konnte, ironisch, lebendig und vorhersehbar unvorhersehbar. Von Geburt und Kultur her Italiener, sprach und vor allem schrieb kaum einer ein so gutes, so kräftiges, so dialektisch reiches Deutsch wie er: Seine Liebe galt der Lyrik, der deutschen so gut wie der italienischen – auch da hatte er unter den Kollegen nicht seinesgleichen.

Aber seine Leidenschaft galt der Politik, der Kritik der Öffentlichkeit, der intellektuellen Umwälzung der Verhältnisse, von der er die praktische Umsetzung erhoffte: Seine geliebtesten Schüler waren die Unbotmäßigen, die Autonomen (die „Selbstbestimmten“), die Spontanen und Spontaneisten. Er selbst war ein Linker, wie er sein sollte: ohne Etikett des „Marxisten“ (oder was auch immer), sondern Linkssein als Lebensweise. Er liebte es, sich einen „Agnolisten“ zu nennen, wenn man ihn einschachteln wollte: rebellarsi è giusto, zu rebellieren ist gerecht, immer und zu jeder Zeit und gegen jede sich verfestigende Herrschaft und Ordnung – das war sein Motto.

Wir Freunde können da viele illustrierende Anekdoten beisteuern. Weil er ein Rebell war, wurde er als Jugendlicher noch unter Mussolini Faschist – das galt damals in seinen Bergen von Belluno, seiner eigentlichen Heimat, als eine Form der Unbürgerlichkeit, des Aufmüpfigen: ein Irrtum, zu dem er sich bekannte. 1945 wurde er noch Soldat der Wehrmacht, kam in ägyptische Kriegsgefangenschaft – und das änderte sein Leben. Dort lernte er nicht nur deutsch, sondern auch deutsche Philosophie, der er sich dann, nach Schwaben entlassen, in Tübingen widmete: Als Wahlschwabe fühlte er sich Hölderlin und Hegel nahe – und das hat ihn durchs ganze Leben begleitet.

Zur Politikwissenschaft kam er, weil er die Philosophie politisch verstand: Agnoli war das, was man einen gebildeten Menschen nennen darf, wovon es heute akademisch kaum mehr welche gibt: Unter den grauen Mäusen der Zunft war und blieb er ein bunter Vogel - aber welch ein Vogel! Welche kräftige Farbe, vor allem das Rot! Es war sein Rot - unverkennbar, unnachahmbar. Seine akademische Heimat war das heute historisch gewordene, auch unwiederholbare Otto-Suhr-Institut der Freien Universität, von ihm und uns allen Alten liebevoll das OSI genannt. Schon als er abging, war es nicht mehr, was es einmal gewesen war. Auch seine Nicht-Freunde (Feinde hatte er keine!) sahen den Abschied mit Wehmut: Er war einer ihrer Besten gewesen. Sie hatten behauptet, er sei faul, rede nur und schreibe nicht.

Inzwischen liegen seine gesammelten Werke in fünf eindrucksvollen Bänden vor und beschämen sie, uns alle, die wir uns oft nur an seiner brillanten Ironie erfreuten, aber nicht immer die große Substanz sahen, die da in einer einmaligen Biographie akkumuliert war. Johannes Agnoli starb am vergangenen Sonntag im Alter von 77 Jahren in der Toskana, die ihm nach seiner „autonomen Republik von Cadore“, seinem Geburtsort, und nach Berlin zur dritten Heimat geworden war.

Der Autor war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1999 Professor für Politikwissenschaft am John F. Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin

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