Kultur : Rot wie Blut

Uwe Friedrich

Einen Wermutstropfen gab es dann doch beim phänomenalen Liederabend von Thomas Hampson in der Deutschen Oper: Die Liedtexte fehlten im Programmheft. Wer des Englischen nicht ganz so mächtig ist, dem konnten die sanften Pointen der Whitman-Verzonungen leicht entgehen. Subtile Erotik, unsentimentaler Zugriff auf die Welt und völliger Verzicht auf tränentreibende Effekte machen Hampsons Kunst zum überragenden Ereignis. Walt Whitmans heroisch-verlangender Ton war dem bedeutenden amerikanischen Komponisten Ned Rorem ebenso Inspiration wie Paul Hindemith. Farbwechsel und große Aufschwünge im Wechsel mit völlig zurückgenommenen Passagen zeichnen alle Lieder des Abends aus, doch gerade hier scheint Hampson ganz bei sich selbst zu sein.

Mit Schuberts Heine-Vertonungen aus dem "Schwanengesang" und fünf von Mahlers Liedern "Aus des Knaben Wunderhorn" war der erste Teil noch vom leicht umflorten Blick zurück umkränzt. Hier faszinierte vor allem Hampsons künstlerischer Mut zu risikoreichem Gesang. Das Wagnis funktioniert, die Spannung hält selbst in den leisesten Phrasen. Auch sein Begleiter Wolfram Rieger ruht sich nicht aus im bequemen Mezzoforte, sondern erreicht mit konzentriert leisem Klavierspiel einen entspannten Klangfarbenreichtum, der dem Sänger die Möglichkeit zu zurückgenommener Gestaltung eröffnet.

Zu Schluss stellte Hampson Volks- und Kunstlieder seiner Heimat vor, die ihm und dem Publikum großen Spaß machten. Wer sich hier über die Qualität der Kompositionen beklagt, hätte auch bei der wunderbaren Brotvermehrung genörgelt, warum es kein Dinkelvollkornschrot gibt. Statt sich einfach am überreich Dargebotenen zu erfreuen. Uwe Friedrich


Ein kühler Windhauch strich durchs Parkett, schlängelte sich auf die Bühne und griff mit langen kalten Fingern kräftig in die Notenblätter hinein. Der Pianist erschreckte, riss die Augen auf und heftete sie beschwörend auf das sich davon machende Papier. Allein es half nichts, die Komische Oper ist wohl nicht mehr ganz dicht dieser Tage.

Während die Augen der Zuhörer durch das Wehen zu tränen begannen, erwachte das Theaterherz von Noemi Nadelmann und pumpte jenen kapriziösen Charme in ihren anmutigen Körper, der ihre Violetta und ihre Lucia zum Ereignis machte. Ihre Frauenfiguren haben einen kräftigen Schlag ins Vitale, und bevor sie als Opfer abgestempelt werden, gelten sie lieber als exaltiert. So schritt Noemi Nadelmann erhobenen Hauptes auf Adrian Baianu, ihren hilflosen Pianisten zu, und fixierte seinen flüchtigen Notenstapel flugs mit einem Blumenstrauß.

Dieses Zupackende hätte Richard Strauss gefallen. Seine Lieder lagen der Schweizer Sopranistin bei ihrem Liederabend am nähsten: Den geraden Gefühlen und dem robusten Humor der Kompositionen vermochte Nadelmann mit einem feinnervigen Augenaufschlag zusätzlich eine zart provozierende Schattierung zu verleihen. Bei Schubert, aus dessen Liedkonvolut sie den ersten Teil des Programms zusammengestellt hatte, wollte eine überzeugende Interpretation nicht so leicht gelingen. Mal sind die vokalen Gesten zu groß, mal die Spitzentöne zu scharf. Für einen nicht forcierten, natürlichen Tonfall scheint Nadelmanns Stimme hier nicht präsent genug. Doch lächelnd vertreibt sie diesen Anfall von Steifheit mit einer kapitalen "Forelle", die auch mächtig launisch ist. Begibt sie sich in trübes Wasser, so zappelt sie an der Angel. Daran hätte sich Noemi Nadelmann nur halten müssen. Ulrich Amling

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