Kultur : Rote Haare, hochgeföhnt

KLASSIK

Franziska Richter

Sie hätten sich bestimmt verstanden: Antonio Vivaldi und Nigel Kennedy – der rothaarige Italiener und der punkige Engländer. Das Temperament des Komponisten und „roten Priesters“ aus Venedig lässt sich heute noch in seiner Musik ablesen: wild, elegisch, festlich sind seine Werke, alle von einer klaren Formensprache. Wen wundert’s, dass Kennedy mit seinem aktuellen Vivaldi-Programm den großen Saal der Philharmonie (noch einmal am 20.10., 20 Uhr) zum Toben bringt. Ob sich Vivaldi mit seinem Auftreten allerdings angefreundet hätte, bleibt fraglich: In schwarzem Seidenjacket, die Hose in schwarze Stiefel gesteckt, das weiße Hemd mit einem Tuch zusammengebunden und mit hochgestylten Haaren, so betritt er die Bühne, reißt nach schnelleren Stücken Siegerfäuste in die Luft, erzählt Anekdoten, ist Animateur. Sein Spiel aber hätte dem Komponisten Freude bereitet: Zwar jagt er den zweiten Sologeiger Daniel Stabrawa und die Mitglieder der Philharmoniker , die ihn mit einem hervorragend homogenen Barockklang begleiten, in den vier Konzerten für zwei Violinen, Streicher und Cembalo in einem Wahnsinnstempo durch die Partitur. Doch hat er Zeit für differenzierte Frasierungen, fällt plötzlich nach einem schnellen Crescendo ins Pianissimo. Er nimmt Vivaldis raffiniert eingesetze Dynamik durch die Gegensätzlichkeit von Soli und Tutti vielleicht etwas zu wörtlich. Und dann „Vier Jahreszeiten“: brilliant, und doch – zu schnell. So wild des Rotschopfs Komposition, so wichtig ist doch jede Note. Trotzdem hätten die Beiden sich verstanden.

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