Kultur : Roter Freitag

Mystisch: der Dokumentarfilm „Die Blutritter“

Christiane Peitz

Der Papst kann einpacken. Gegen den Blutfreitag im oberschwäbischen Weingarten nehmen sich Vatikan-Zeremonien nachgerade kümmerlich aus. Blutfreitag? Ist wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Karneval zusammen und findet jährlich in der Woche nach Christi Himmelfahrt statt. 3000 mit Frack und Zylinder, Uniform, Schärpe und Federbuschhelm aufgebrezelte Herren reiten auf schmuck gestriegelten Pferden durch den Ort; der sanfte Mönch Nikolaus trägt die Reliquie mit der Golgatha-Erde samt Jesusblutstropfen hoch zu Ross voran, gefolgt von 10000 Klerikern, Messdienern, Fußpilgern, Spielmannszügen ...

„Die Blutritter“, ein katholisches Spektakel: ein Stück Archaik mitten in der Moderne, mysteriös, verzopft, schrullig, banal, urkomisch. Es ist, als ob Douglas Wolfspergers Dokumentarfilm dem Zuschauer dessen eigene aktuelle Faszination und Befremdung angesichts der Rituale aus Rom vor Augen führt, einschließlich des leisen Erschreckens ob des vermeintlichen Charmes, mit dem manch Ewiggestriges als liebenswerte Schrulle erscheint. Dabei konzentriert sich der Film keineswegs auf die „Männerwallfahrt zu Pferde“, wie der Abt des Benediktinerklosters die Prozession definiert. Wolfsperger (er ging als Junge dort ins Internat) setzt vielmehr einige passionierte Weingärtler ins Bild. Der Metzger, der für einfühlsame Tierhaltung plädiert und die toten Schweine mit wuchtigen Hieben halbiert. Der pausbäckige Metzgerjunge, der das Tierblut im Bottich verrührt und nie ein Wort sagt. Die radelnde Rentnerin mit der ausgestopften Fauna an der Wand. Der Bestattungsunternehmer mit dem Indianermuseum. Und der alte, zwirbelbärtige Dekorateur, den es betrübt, dass die Kirche Motorräder segnet, nicht aber seine Liebe zu einem Mann.

Alltag in Cinemascope, Stillleben vom Religionsrausch: Kameramann Igor Luther drapiert die Protagonisten vor mal gewöhnlicher, mal skurriler Kulisse. So entstehen bizarre, banale Bilder zu bizarren, banalen, in breitem Dialekt vorgetragenen Ansichten: über Monogamie, Homosexualität, die Blutreliquie oder das Leben nach dem Tod. In seiner Hommage an das Wiener Traditionskino „Bellaria“ (2001) und dessen betagte Besucher hatte Wolfsperger sich den Protagonisten mit geduldiger Neugier genähert, eine Insel der Kinoseligen gehoben und die Einsamkeit des Alters dennoch nicht beschönigt. Diesmal verrät er die Porträtierten mitunter an deren unfreiwillige Komik. Wobei die Begründung, warum am Blutfreitag bis heute keine Frauen mitreiten dürfen, es wirklich in sich hat: Die Prozession wäre dann ja noch länger als zehn Kilometer ...

Kino Casablanca

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