Kultur : Roter Mond mit Laterne

KLAUS HAMMER

Zum 20.Todestag: Albert Wigand in der Galerie RefugiumVON KLAUS HAMMERMehr als 45 Jahre lebte er in Dresden, verdiente seinen Lebensunterhalt als Schaufensterdekorateur, Arbeiter im Wasserwerk, schließlich als Laternenanzünder.Erst durch seine Ausstellung 1949 im Dresdner Kupferstich-Kabinett wurde man auf ihn aufmerksam, und nun begannen auch die Dresdner Künstler, ihn als einen der ihren zu betrachten: Den gebürtigen Hessen Albert Wigand interessierten Häuserfronten, Straßenzüge, Stilleben, auch Interieurs, die kleinen, einfachen Dinge aus dem Alltagsleben.Er arbeitete ohne zeitbezogenes Engagement und ohne sachlich puristische Tendenzen, löste sich von Projektion und Abbild und band die Bildelemente an die Fläche.In seinen Bildern nehmen die Dinge stillebenhaften Charakter an, er ließ sie in plötzlich aufglänzenden Farbschauern von Rosa, Krapprot, Flieder, Chromgelb, Chromgrün und hellem sonnengesprenkeltem Grün zergehen.In jedem Ding glaubte er ein Gleichnis des Lebens zu schauen.Trotz aller Ruhe, die von seinen Arbeiten ausgeht, sind sie doch voller Spannung, denn Wigand verstand es, Zeichnung, Farbe und Form zu höchster Intensität zu steigern.Wer sich wie er die Unbefangenheit der Kinder bewahrt hat, deren Kritzel- und Zeichenspuren im Sand, auf Wänden und Tischen anonyme Druckstöcke bilden, erliegt nicht der Verführung zum Effekt und scheitert nicht an technischen Problemen.Galerist Bernd Heise hat diese Retrospektive zum 20.Todestag des Farbtektonikers langfristig vorbereitet und zeigt aus dem Nachlaß, aus eigenem und fremdem Besitz Arbeiten aus fünfzig Jahren, frühe expressive Holzschnitte (2400 DM) und Zeichnungen mit Sedan-Motiven (bis 3800 DM) aus Wigands Zeit als Sanitäter im Ersten Weltkrieg, die er dann mehr als vierzig Jahre später aus der Erinnerung noch einmal in Öl nachempfunden hat.Sein frontaler Blick auf Straßen und Läden in Sedan, Dresden, Freital oder Leipzig (2600 DM bis 9500 DM) verwandelt die trostlose, kalte Atmosphäre ungepflegter Häuser in ein malerisches Faszinosum: Die Häuserwände leben, ihre atmende Farbhaut verändert sich ständig, ihre Inschriften und Fensteröffnungen entlocken dem starren, leblos scheinenden Motiv menschliche Schicksale, holen das innen verborgene Leben nach außen.Die wohlüberlegte Aufteilung der Farben in geometrische Flächen verleiht dann den Sedan-Bildern ein von gegenständlichen Bezügen immer unabhängigeres, autonomes Leben.Ironisch wird links oben ein roter Mond ins Bild eingefügt, der dem Laternenanzünder Wigand ein ständiger Begleiter war.Das Fasanenschlößchen in Moritzburg (Mischtechnik, 7000 DM) ersteht in pointillistischer Weise aus einem Kontinuum von Punkten, Strichen und Kringeln.In seinen Mitte der 50er Jahre einsetzenden Klebebildern nutzt Wigand die Collage als moderne Form des Stillebens und läßt in ihr die Poesie des Weggeworfenen erblühen.Wie der MERZ-Künstler Schwitters sucht er durch Montage differierender farblicher, formaler und stofflicher Elemente (Papier, Pappe, Seide, Gaze, Konfektverpackungen, Stoff-und Tapetenreste, Aluminium-Münzen aus der DDR-Zeit) ein Höchstmaß an Ausdruck zu erzielen.Der Künstler wird zum kreativen Arrangeur, der vorgefundene Formen unerwartet kombiniert, immer neue stoffliche materiale Reize sucht und findet.Kommen Materialfragmente (Briefauszüge, Adressen und Absender, Briefmarken mit Datumsstempel, EilbotenStreifen) als Konkretes, Gegenständliches ins Bild, dann verweisen sie - oft in spielerisch-ironischer Weise - direkt auf die Person des Künstlers und sind als autobiographische Notiz zu lesen (bis 2000 DM).Wigands Glaube an die Bedeutung des Zurückgelassenen, Banalen, Nebensächlichen scheint unerschütterlich gewesen zu sein. Galerie Refugium, Auguststraße 19, bis 6.Juni; Mittwoch bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr.

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