Kultur : Roter Oktober

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf freut sich über

ein hoch moralisches Angebot

Volkswirte lernen das schon im ersten Semester: Ist die Nachfrage mau, liegt das meist daran, dass der Preis zu teuer ist. Bei ungefähr fünfzig Prozent stockte die Auslastung der Komischen Oper in der letzten Spielzeit, jetzt wurde endlich an der Preisschraube gedreht: Im Rahmen der neckisch „Roter Oktober“ betitelten Sonderaktion senkt das Haus den ganzen Monat die Preise auf allen Plätzen auf elf Euro – für alle potenziellen Opernfans unter dreißig. Mit ähnlichen Maßnahmen hatte das Haus schon in den letzten Jahren die Statistiken nach oben getrieben. Diesmal liegt der Besucherzuwachs schon bei circa zehn Prozent in jeder Aufführung, obwohl für die Aktion nur in begrenztem Umfang geworben wurde.

Zum Einstiegspreis riskiert man natürlich nicht viel – der Schaden hält sich selbst bei problematischen Produktionen wie der „Czardasfürstin“ von Intendant Andreas Homoki (Dienstag, 21.10.) in Grenzen. Weit wichtiger ist, dass man das Angebot spontan nutzen kann, ohne vor verschlossener Tür zu stehen: Bis Monatsende wird an jedem Tag gespielt, von Ballett über Sinfoniekonzert bis Oper ist alles drin. Das Highlight unter den szenischen Opernvorstellungen ist natürlich am Sonntag Ligetis „Le Grand Macabre“ (19.10.): Mit den Rammelorgien und Fäkalschlachten, die in der knalligen Groteske zum Programm gehören, dürfte ein volksbühnengestähltes ElfEuro-Publikum wohl keine Probleme haben. Im Gegenteil: Die musikalisch packende und darstellerisch ausgezeichnet besetzte Produktion ist die beste Werbung für den Musiktheater-Stil, den die Komische Oper vertritt.

Unbedingt zu empfehlen ist zudem jeder Abend, an dem Kirill Petrenko am Pult steht. Erstens, weil der Chefdirgent mit seinen 31 Jahren noch fast als Identifikationsfigur für das Elf-Euro-Zielpublikum taugt, und zweitens, weil er jede Vorstellung mit Spannung auflädt. Sein Dirigat von Verdis „Falstaff“ in der letzten Spielzeit war grandios, und seine „Traviata“ am Montag (20.10.) wird es sicher auch – über die etwas öde Inszenierung, eines der wenigen Relikte aus der Ära Kupfer, darf man da gnädig hinwegsehen.

Angesichts der deutlichen Qualitätsverbesserung, die Petrenko seit einem Jahr bewirkt hat, wagt sich das Orchester in seinem Sinfoniekonzert am Donnerstag an einen berüchtigten Prüfstein: Mit Strawinskys „Sacre du printemps“ stellen sich die Musiker der harten Berliner Konkurrenz: Erst in diesem Jahr gelangen sowohl Simon Rattle (im Rahmen des choreografischen Jugendprojekts der Philharmoniker) als auch Kent Nagano völlig gegensätzliche, aber gleichermaßen aufregende Modellinterpretationen – und das Berliner Sinfonie-Orchester schlug sich mehr als achtbar, als es sich zur Saisoneröffnung den „Sacre“ vorgenommen hatte. Deshalb ist es schade, dass das Stück an der Komischen Oper nicht zur Chefsache gemacht worden ist, sondern mit Michail Jurowski von einem Gast dirigiert wird. Auch wenn Jurowski sowohl mit dem Orchester als auch mit der russischen Sinfonik bestens vertraut ist und für eine idiomatische Interpretation bürgt, wäre eine Direktkonkurrenz der Chefs natürlich spannender gewesen. Aber für elf Euro kann man nicht alles verlangen.

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