Kultur : Roter Salon: Cowboy von der Alm

Dirk König

Thomas Meinecke ist wieder auf Tour mit seiner Band F.S.K.. Auch nach über 20 Jahren ist ihm die Lust noch nicht vergangen, dem Mann, in dessen Gehirn nahezu sämtliche Fakten und Anekdoten über die Popmusik der letzten Jahrzehnte gespeichert sind. Der gemütlich wirkende Mitt-Vierziger lebt mit seiner Familie auf einem alten Bauernhof in Oberbayern. Idyllisch. Hier findet er die Konzentration für seine unzähligen Aktivitäten. Denn neben seiner Tätigkeit als Musiker ist er noch Radio-DJ und Schriftsteller. Doch seine Hauptleidenschaft gehört der Musik. Davon zeugen über 10 000 Vinyl-Platten, die sich an den Wänden seines Arbeitszimmers türmen.

Angefangen hatte dieses Leben Ende der siebziger Jahre, als der gebürtige Hamburger nach München kam. In der bayerischen Metropole gab er ab 1978 mit anderen "postlinken politischen Dissidenten" die Popkultur-Zeitschrift "Mode & Verzweiflung" heraus. Das Ziel lautete wie folgt: "Wir haben damals Konzepte des Dandyismus und Strategien der hedonistischen Dissidenz durchprobiert" erklärt Thomas Meinecke. Das sollte nicht nur auf literarischer Ebene geschehen. Meinecke gründete 1980 mit seiner Freundin Michaela Melian und den langjährigen Weggefährten Justin Hoffman und Wilfried Petzi die Gruppe F.S.K., benannt nach der Freiwilligen Selbstkontrolle, jener Wiesbadener Zensurbehörde, die der Jugendgefährdung vorbeugen will. "Als wir anfingen, waren wir begeistert von Bands wie den Raincoats oder Gang of Four". Die ersten Veröffentlichungen auf dem legendären Zickzack-Label von Alfred Hilsberg brachten F.S.K. schnell den Ruf "eines für die deutsche Intelligenz musizierenden Intellektuellen-Ensembles" (Diedrich Diederichsen) ein.

Leitmotiv der Gruppe ist seither die Suche nach den Wurzeln der populären Musik, besonders des deutsch-amerikanischen Erbes. Jodel- und Country-Klänge sind seit Mitte der achtziger Jahre fester Bestandteil des F.S.K.-Repertoires. Die Fans zeigten sich vom musikalischen Wandel der Band anfangs schon irritiert, wie sich Meinecke erinnert: "Es versetzte den FSK-Fans einen großen Schock, als zum ersten Mal gejodelt wurde. Auch als wir vom Akkordeon zum Yamaha DX-7-Synthesizer wechselten, muteten wir ihnen viel zu. Aber nicht so viel."

Für den britischen Radio-Moderator John Peel hatte F.S.K. Kultstatus erreicht, und er lud die Gruppe zu einigen seiner berühmten Sessions ein. Doch auch in den USA stieß die Gruppe auf große Resonanz. Die Musiker, die auch heute noch erklären, ihre alten und zerbeulten Instrumente nicht richtig zu beherrschen, spielten ab 1990 ihre Alben auf Einladung von David Lowery in Texas ein. Mitte der neunziger Jahre betraten Meinecke & Co erneut neue musikalische Ufer. Dieses Mal ließen sich F.S.K. verstärkt von elektronischen Klängen inspirieren. "Wir hatten auch schon vorher elektronische Musik gehört, auch Minimal-Techno oder die Musik von Mike Ink. Und plötzlich hatten wir Lust, ein Album in der gleichen Soundästhetik aufzunehmen." So entstand 1998 mit "Tel Aviv" das erste Album, das F.S.K. in den neunziger Jahren wieder in Deutschland produzierten. Dafür mussten die Musiker auch nur einige Kilometer fahren, ins Weilheimer UPhon-Studio.

Auch die jüngste CD "X" entstand in Weilheim. Herausgekommen ist ein Album, das fast nur instrumentale Stücke enthält. Lediglich Songtitel (wie "The Key of Busta Rhymes") werden gelegentlich von der Band im Chor intoniert, um sich vom herkömmlichen Song zu lösen und repetitive Soundstrukturen zu entdecken. Postrock pur.

Die Mittel der Groteske und der Ironie benutzt Meinecke übrigens nicht nur in der Musik. Auch in den Büchern des Ingeborg- Bachmann-Preisträgers sind sie zu finden. Davon zeugt sein vielbeachtetes letztes Werk "Tomboy", das sich hauptsächlich mit "gender"-Definitionen beschäftigt. Und schon bald soll es neues von ihm zu lesen geben. "Gerade schreibe ich an einem Buch, das die Parallelen zwischen Antifeminismus und Antisemitismus erkundet." Nach der Tour hat Meinecke auch dafür wieder Zeit.

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