Kultur : Rotes Sofa, lila Feigen

Arco reloaded: Die spanische Kunstmesse feiert ihren 30. Geburtstag und hat sich von allen Querelen erholt

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Durchblicke, Einsichten. Viele der 197 Kojen auf der Arco wirken wie kuratierte Ausstellungen. Foto: Arco Madrid
Durchblicke, Einsichten. Viele der 197 Kojen auf der Arco wirken wie kuratierte Ausstellungen. Foto: Arco Madrid

Eine schräge Schönheit hat sich bei Heidigalerie eingenistet. Große Augen zum Pagenkopf, ein Paar angenähte Brüste zu sehnigen Unterarmen voller Tattoos. Wer das „Topless Poor-trait“ (2008- 2010) aus der Koje der jungen französischen Galerie für 1200 Euro (3er-Edition) mitnimmt, der hängt sich in Wahrheit keine Blondine auf, sondern ein Foto des legendären Sängers Genesis P-Orridge, der seit Jahren eifrig an der Transformation seines Körpers bastelt. Und er besitzt ein Sinnbild für die Arco: Spaniens große Kunstmesse musste in der Vergangenheit so vielen Forderungen und Sehnsüchten entsprechen und derart heftige Zankereien aushalten, dass sie sich bedrohlich verformt hatte.

Zum 30. Geburtstag ist nun alles anders. Eine neue Leitung, weniger traditionelle Künstler, dafür mehr junges Potenzial. Ein Fokus auf russischen Galerien, ein zweiter auf Künstlern aus Lateinamerika. Die frische Sektion „Opening“ mit Förderkojen für Galerien wie Koch Oberhuber Wolf, September, Tanya Leighton, Aanant & Zoo oder Arratia Beer, alle aus Berlin. Und ein radikaler Schnitt: Die Zahl der Galerien wurde um 30 auf 197 Teilnehmer reduziert. Nun genügen zwei Hallen, die Carlos Urroz trotz der Dichte des Angebots erstaunlich luftig und sensibel eingerichtet hat. Der aktuelle Direktor bestellte gleich auch den Teppich ab und ließ die Stände auf dem schwarz gestrichenen Betonfußboden errichten. Eine raue Arbeitsatmosphäre ist das Ergebnis. Das alles steht der Arco ungeheuer gut.

Aus der offiziellen Kunstschau, die sich Madrid nach dem Franco-Regime verordnete, um wieder in Kontakt mit der Kunst des 20. Jahrhunderts zu kommen, ist eine feine, effiziente Messe geworden. Neben dem spanischen Prinzenpaar zieht sie Sammler wie US-Milliardär Eli Broad an, den es während der VIP-Eröffnung wiederum an den Stand der Berliner Galerie Eigen + Art trieb. Judy Lybke hatte schweres Gepäck dabei: zwei große, neue Gemälde von Neo Rauch (je 480 000 Euro), die der Galerist wohl sonst für die Art Basel im Sommer bewahrt hätte – wenn er zugelassen worden wäre. Broad griff zu und sicherte sich ein Bild.

Auch im Fall von Mehdi Chouakri profitierte die Arco von der Absage der Art Basel. Der Berliner Galerist entschied sich kurzerhand für einen Solostand mit Hans-Peter Feldmann, der aktuell auch mit einer großen Ausstellung im Museo Reina Sofia vertreten ist. Entsprechend frequentiert war die Koje und die Foto-Installation „Bibliothek“ (150 000 Euro) schon nach wenigen Stunden an einen Privatsammler aus Madrid vergeben.

Am Stand der Berliner Galerie DNA starren die Besucher auf ein Video der tanzenden Nezaket Ekici, deren Kleid mit unzähligen Zahnstochern gepanzert ist. Das unikate Kostüm steht daneben und „ist eigentlich schon verkauft“, meint Galerist Johann Nowak. Bei Nusser + Baumgart aus München hat die Banco Espírito Santo soeben ein fotografisches Stillleben von Michael Wesely angekauft. Eine Schale voller violetter Feigen in Langzeitbelichtung, die langsam schrumpfen. Auch das Video „White on White“ von Eve Sussman in der Galerie Senda aus Barcelona zieht die Blicke auf sich und wird garantiert einen Sammler finden, der 30 000 Dollar in die letzte verfügbare Kopie der kleinen Auflage investiert. Anderen Interessenten bleiben dann bloß noch die großen Fotos aus der Installation für jeweils 7000 Euro.

Mediale Arbeiten sind auf der Arco ebenso gefragt wie Klassiker. So melden die spanischen Galerien schon in den ersten Stunden Verkäufe von Alexander Calder (2,2 Mio. Euro für ein Mobile bei Elvira González) sowie kleineren Arbeiten von Chillida oder Tàpies. Vor allem aber können sie sich über die Rückkehr von Helga de Alvear freuen, der großen alten Dame ihrer Kunstszene. Vergangenes Jahr war sie der Messe fern geblieben, aus Ärger über die dauernden Streitigkeiten. Nun zeigt sie Arbeiten von Axel Hütte, Elmgreen & Dragset oder Santiago Sierra, der 2010 mit einem großen „No“ auf dem Lastwagen durch Madrid gefahren war, um den Auseinandersetzungen ein Gesicht zu geben. Darüber hinaus stützt die Galeristin mit der erneuten Anwesenheit ihren früheren Mitarbeiter Urroz.

Nicht alle Galerien trumpften am ersten Tag mit Verkäufen auf. Wer neue Namen oder Positionen auf der Arco vorstellen will, erntet Aufmerksamkeit, inhaltliche Gespräche und immer wieder knappe Abfragen der Preise. Das hektische Reservieren, die nervösen Einkäufe anderer Messen kennt man hingegen nicht. „Als hätten wir das Bild noch dreimal im Keller“, umschreibt der Münchner Galerist Walter Storms seine ersten Eindrücke von der Arco reloaded. Dabei ist er Spezialist für jene Zero-Künstler, die den internationalen Markt seit geraumer Zeit elektrisieren und mit zwei raren Gemälden von Otto Piene (32 000 u. 40 000 Euro) unterwegs. Die Anerkennung ist ihm sicher, der Verkauf harte Arbeit. Genau wie in der Galerie MaxWeberSixFriedrich, die aus München ein Großformat von Andreas Schulze mitgebracht hat – ein rotes Sofa vor Gebirgslandschaft (2002) für 39 000 Euro. Dass der Maler gerade eine Renaissance erfährt, mögen hierzulande viele wissen. In Madrid fällt das Motiv zwar auf, hat aber (noch) keinen Käufer.

Man muss sicher nicht – wie die New Yorker Marlborough Galerie – mit einem schonungslos lokalen Programm aufwarten, um die spanischen Messebesucher in die Kojen zu locken. Vorlieben aber gibt es auf der Arco, und bedient werden sie von klugen Arrangements wie dem der brasilianischen DAN Galeria, die neben zwei Gemälden von Josef Albers im sechsstelligen Euro-Bereich auch weit preiswertere konstruktive Skulpturen von Knopp Ferro anbietet. Avantgarde mit Rücksicht auf lokale Besonderheit – das könnte das Rezept künftiger Messen sein.

Arco Madrid, bis 20.2.

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