Roth-Roman "Empörung" : Freie Menschen glauben nicht

Erziehungsgeschichte, amerikanische Tragödie: Philip Roth entdeckt in "Empörung" die frömmelnde Enge von Winesburg, Ohio.

Gerrit Bartels

Auch ein Philip Roth hat Sinn für Symbolik. Nicht von ungefähr ist sein neuer Roman „Empörung“ ausgerechnet in Winesburg, Ohio angesiedelt. Gehört doch das Städtchen im Mittleren Westen der USA sozusagen zum Inventar der amerikanischen Literaturgeschichte, nachdem es Sherwood Anderson 1919 zum Schauplatz einer Reihe von Erzählungen gemacht hatte. Andersons Buch „Winesburg, Ohio“ liest sich wie der ultimative Roman über eine Kleinstadt, aus der es nur für sein Alter Ego, den angehenden Schriftsteller George Willard, ein Entkommen gibt. „Das Leben, das er dort verbracht hatte, war nichts mehr als ein Hintergrund, auf den die Träume seines Mannesalters gemalt werden sollten“, so schließt Anderson sein Buch.

Für den jungen Helden von Philip Roth aber ist Winesburg, Ohio, schon die vorletzte Station seines nur kurzen, 19 Jahre währenden Lebens, das 1952 mit einem überaus blutigen Tod im Korea-Krieg endet. „Empörung“ ist eine Art Gegenmodell zu der eher beiläufig daherkommenden éducation sentimentale bei Anderson, eine kurze, heftige Herzens- und Charaktererziehung mit dem schlimmsten aller Enden. Und natürlich regieren auch im Amerika der fünfziger Jahre viel Frömmelei und Bigotterie, gerade in einer Kleinstadt wie Winesburg, wo Roth’ Held Marcus Messner das College besucht. Die Lehrer am College sind ihm „entweder zu förmlich oder zu leutselig“, und überhaupt: „Am Robert Treat hatte ich nie das Gefühl gehabt, es gebe eine althergebrachte Lebensweise, die alle am College zu bewahren suchten, während sich mir in Winesburg genau der gegenteilige Eindruck aufdrängte, wann immer ich die Fans dort die Vorzüge ihrer ,Tradition‘ preisen hörte.“

Am besagten „Robert Treat“ ist Messner ein Jahr zuvor noch gewesen, ein College in seinem Heimatort Newark, New Jersey (wo auch Roth herstammt), hier hat er das „beglückendste und zugleich furchtbarste Jahr“ seines Lebens zugebracht. Furchtbar deshalb, weil ihn sein über alles liebender Vater, ein koscherer jüdischer Metzger, wahnhaft zu beschützen sucht, und Messner sich davon nur zu befreien glaubt, indem er sich in das weit entfernte Winesburg absetzt.

Eine große amerikanische Tragödie

Eine Befreiung, die keine ist, eine Erziehungsgeschichte, die zwar irgendwie glückt, sich aber zu einer einzigen großen amerikanischen Tragödie auswächst. Muss Messner doch erfahren, „wie die banalsten, zufälligsten und sogar komischsten Entscheidungen die unverhältnismäßigsten Folgen haben können“. Und ein Roman, der viel mehr einer klassischen Novelle entspricht und Philip Roth einmal mehr auf der Höhe seiner Kunst zeigt. Genauso geschmeidig und klar, ohne ein Wort, einen Satz zu viel erzählt er von Messners kurzem Leben und seinen Verwicklungen, wobei die anfänglich als glückhaft geschilderte Vater-Sohn-Beziehung und das zeitweilige Liebes- und Sexglück Messners mit seiner Kommilitonin Olivia zu den typischen Roth-Themen gehören.

Nur lehnt sich dieses Mal ein begabter, ehrgeiziger Junge weniger gegen die Tradition und Enge seines jüdischen Elternhauses auf, wie so oft bei Roth, sondern versucht vielmehr diesseits aller Konfessionen in Ruhe und mit viel Eifer sein Studium zu absolvieren und dabei, das ist seine größte Angst, der Einberufung nach Korea zu entgehen. Eine der Höhepunkte des Romans ist das Zwiegespräch mit einem Dekan des Colleges. Dieser versucht, Messner auf Winesburg-Linie zu bringen und seine vermeintliche Unangepasstheit sowie einen zweimaligen Zimmerwechsel zu ergründen. Marcus konfrontiert ihn daraufhin mit einem Aufsatz des Literaturnobelpreisträgers von 1950, Bertrand Russell, „Warum ich kein Christ bin“, beeindruckt davon, wie Russell darin darlegt, dass die ganze Vorstellung von Gott eine sei, „die freier Menschen unwürdig ist“. Beeindruckend ist auch, wie Messner sich hier schlägt, wie weit er geistig überhaupt ist, wie hoch seine Abstraktions- und Reflexionsfähigkeiten.

Der Roman läuft unerbittlich konsequent auf sein Ende hinaus

Man fragt sich zuweilen, ob sich hier ein bekanntlich genauso kluger wie lebenskluger 75-jähriger Schriftsteller wie Philip Roth sich nicht ein paar Momente zu tief in einen 19-Jährigen versenkt hat – selbst wenn „Markie“, wie er von seinen Eltern genannt wird, aus dem Jenseits spricht, wie schon nach einem Drittel der Erzählung klar wird. Wenigstens aus dieser Warte heraus hat Markie keinen Schimmer davon, „ob mein Erinnern sich erst seit drei Stunden oder schon seit Millionen Jahren abspielt“. Das allerdings ist mehr ein Schönheitsfehler in diesem Roman, der unerbittlich konsequent auf sein Ende hinausläuft, wenngleich es weder Messners ruppiger Dialog mit dem Dekan noch seine Liebesspielchen mit Olivia sind, die ihn in die Bredouille bringen. Es sind seine Schummeleien, den für Winesburg-Studenten obligaten Gottesdienstbesuch zu umgehen. Winesburg, Ohio ist kein Fest fürs Leben – schon gar nicht, wenn man so standhaft wie Messner sich den Zumutungen des College-Leben zu entziehen sucht und selbst bei der historischen, die sexuelle Befreiung der sechziger Jahre vorwegnehmende, vielleicht gar vorbereitende „Höschen-Schlacht“, einem weiteren Höhepunkt dieses Buchs, nur eine Nebenrolle spielt.

Ob Roth mit „Empörung“ aber einen Abgesang oder eine Parabel auf die Ära Bush geschrieben hat, wie das hie und da gern mal hereingelesen wird, sei dahingestellt. Da war er in seinem letzten Roman „Exit Ghost“, der sich ja vordergründig um Alter und Tod dreht, beiläufig viel expliziter, als er seine darin agierenden jungen Protagonisten ihre Depressionen angesichts der intellektuellen Repressionen unter Bush schildern ließ.

Und dafür spricht auch nicht die historische Anmerkung, die Philip Roth am Schluss des Buches macht und in der von den Auswirkungen der späten sechziger Jahre selbst auf ein College wie das in Winesburg die Rede ist. „Die Pflicht zum Gottesdienstbesuch“ wurde daraufhin ebenso abgeschafft wie „praktisch alle Restriktionen und Hausordnungen, die seit über hundert Jahren das Betragen der Studenten regelten“ – selbst in Winesburg, Ohio ging da also was, nur zu spät für Marcus Messner.

Wer allerdings in einer gar nicht so fernen Zukunft wissen will, wie es im Amerika der fünfziger Jahre und überhaupt in der zweiten Hälfte des 20. und des frühen 21. Jahrhunderts zugegangen ist, der muss das Werk von Roth gerade seit den neunziger Jahren zur Hand nehmen. Aus den Blickwinkeln junger wie alter jüdischer Männer entfaltet sich darin ein reichhaltiges gesellschaftliches Panorama. „Empörung“ ist ein herausragender, unverzichtbarer Baustein davon.

Philip Roth: Empörung. Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag, München 2009. 201 S., 19, 90 €

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