Roth verkündet Abschied vom Schreiben : Frustration und Liebe

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Als im November bekannt wurde, dass Philip Roth beschlossen habe, mit dem Schreiben aufzuhören, war das Erstaunen groß. Ausgerechnet Roth? Der zwar im kommenden März seinen 80. Geburtstag feiert, aber nach dem Abschluss seiner großen amerikanischen Trilogie („Der menschliche Makel“, von 1998) zuverlässig einen schmalen Roman pro Jahr veröffentlichte, zuletzt 2010 „Nemesis“ über eine Polio-Epidemie in seiner Heimatstadt Newark? Roth machte stets den Eindruck, als würden ihm seine Bücher leicht von der Hand gehen, als sei seine einzige Altersangst, wegen nachlassender zerebraler Kräfte nicht mehr schreiben zu können. Schreiben sei Frustration, hat Roth nun in einem angeblich auch allerletzten Interview in seiner New Yorker Wohnung einem Reporter der „New York Times“ gesagt, „tägliche Frustration, um nicht zu sagen Demütigung. Es ist wie beim Baseball: Zwei Drittel der Zeit geht es schief.“ Und er bekennt weiter: „Ich bringe es nicht mehr über mich, an manchen Tagen fünf Seiten zu schreiben und sie dann wegzuwerfen. Ich kann das nicht mehr.“

Das klingt tatsächlich etwas frustriert und erschöpft. Wenngleich Roth sich offensichtlich täglich ermahnen muss, seinen Entschluss nicht rückgängig zu machen. Laut „New York Times“ klebt an seinem Computer gut sichtbar ein Post-it mit der Notiz: „The struggle with writing is over“. Selbst im Alter und mit viel Routine scheint das Schreiben eine Qual zu sein – muss es im Fall von Roth auch, sonst wären seine letzten Romane nicht so gut gewesen. Ob das aber die Regel ist bei Schriftstellern, die in die Jahre kommen? Bei dem 85-jährigen Martin Walser ist von Qual nie die Rede. Im Gegenteil. Neulich antwortete er auf die Frage, was ihn weiterhin antreibe. „Ich schreibe aus Liebe“. Weshalb Walsers nächstes Frühjahr erscheinender Notizen-und-Gedankenband „Meßmers Momente“ vermutlich nicht sein letztes Buch bleiben wird.

Auch wenn die Autoren, die irgendwann verstummen, schneller in Vergessenheit geraten, scheint Roth, schaut man sich um, eher die Ausnahme zu sein als die Regel. Was womöglich im Alter außer der Motivation, sich stetig von Neuem und dabei oft vergeblich schreibend zu bemühen, verloren geht, ist die Gestaltung großer Romanstoffe. Der 85 Jahre alte Günter Grass ist dafür ein gutes Beispiel mit seinen Gedichten und biografischen Büchern zuletzt. Oder der nächstes Jahr ebenfalls 80 Jahre alt werdende Cees Nooteboom. Oder der inzwischen an Demenz leidende Gabriel García Márquez, von dem es in den nuller Jahren nur noch seine Autobiografie, eine Novelle und Erzählungen gegeben hat. Die meisten Autoren schreiben trotzdem munter weiter, so wie die 89-jährige Nadine Gordimer (siehe links stehenden Text). Aber auch das nächste Frühjahr beweist das. Da ist zum Beispiel ein neues Buch des 1935 geborenen Dieter Forte angekündigt, „Das Labyrinth der Welt“. Seine Gattungsbezeichnung: „Ein Buch“, wie auch der Untertitel lautet, vom Verlag beschrieben als „eine poetische Geschichte der Bilder und Bücher, des Lesens und Schreibens, des menschlichen Miteinanders im Lauf der Jahrhunderte.“

Auch von Günter de Bruyn gibt es was Neues. Der 86-Jährige hat seine Jean-Paul-Biografie laut Verlag „komplett überarbeitet“, natürlich, so funktioniert die Branche, pünktlich zum 250. Geburtstag Jean Pauls am 21. März. Desweiteren macht der eher jugendliche Wilhelm Genazino (wird 70 im Januar) Spaziergänge in die Mitte Deutschlands, porträtiert der 72 Jahre alte Peter Schneider nach der Lektüre ihrer Briefe seine Mutter, gibt es neue Bücher (aber keine Romane!) von Amos Oz (Jahrgang 1939) und Mario Vargas Llosa (Jahrgang 1936), undundund.

Philip Roth dagegen klingt entschlossen. Er arbeitet nur noch an seiner Biografie mit sowie an einer Novelle, die er mit der achtjährigen Tochter einer alten Freundin schreibt. Ob es das wirklich von ihm war? Man mag das kaum glauben.

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