Kultur : Rotlicht für die Goldelse

JAN GYMPEL

Kaum hatte der "Spiegel" darüber berichtet, hagelte es schon Anrufe: "Manche Leute wollten einen vierzehntätigen Aufenthalt in der Einsiedlerbibliothek buchen, die wir in einer verfallenen Berghütte am Brennerpaß eingerichtet haben.Dabei gibt es dort nur eine leicht angemoderte Matratze", erzählt Stefan Micheel.Solche Irritationen freuen den Berliner Konzept- und Aktionskünstler, der mit seinem Kollegen Hs Winkler, ebenfalls Jahrgang 1955, das Duo "Paint the town red" bildet - was man in etwa mit "die Stadt unsicher machen" übersetzen könnte.

Eine angemessen doppeldeutige Redewendung, denn die Arbeiten der beiden, deren jüngstes "Projekt Alpha Wolf" jetzt im Bethanien zu sehen ist, sind oft ebenso verwirrend wie auf überraschende Weise sinnfällig.Ob sie die Fahrbahnmarkierungen einer Bremer Autobahnbrücke auf der Unterseite des Bauwerks wiederholten, durch eine Hannoveraner U-Bahn-Station Geisterzüge fahren ließen oder einige Streben der Hochbahnbrücken über das Gleisdreieckgelände vergoldeten - immer wieder geht es ihnen darum, den Blick zu schärfen für Dinge des Alltags, an denen man sonst achtlos vorüberrennt.Und um die Frage, was Kunst soll.Dazu gehört auch, die Werke wider alle Verwertungsmechanismen des Kunstmarktes entweder sich selbst zu überlassen, oder aber sie nach kurzer Zeit selbst abzubauen.

So geschehen etwa mit den Folien, die Winkler und Micheel Ende 1996 über die Scheinwerfer am Großen Stern gezogen hatten - eine Nacht lang war daraufhin die Siegessäule in Dunkelheit getaucht gewesen, die "Goldelse" in ein mattes rotes Licht.Einige Monate zuvor hatten "p.t.t.red" in gleicher Weise die Freiheitsstatue in New York, wo sie dank des PS 1-Stipendiums des Senats weilten, zur "Roten" gemacht.Natürlich illegal, wobei es ihnen auch wieder darum ging, Systeme auszukundschaften und deren Mechanismen zu nutzen.

Andererseits begeben sich die beiden, die ihr Atelier seit Jahren in der Kreuzberger Naunynstraße haben, bisweilen auch bewußt in die Mühlen unserer durchorganisierten Welt, nicht nur wenn es gilt, Stipendien und Sponsoren zu ergattern: Für die "Rotverschiebung", bei der Winkler und Micheel 1990 die beiden höchsten Punkte Berlins, den Fernsehturm und den Fernmeldeturm auf dem Schäferberg, durch eine Linie von zwanzig roten Blitzlampen miteinander verbanden, mußten sie sich länger durch den Behördendschungel kämpfen als die Installation nachher bestand.Ihre Aktionen sind stets auch Expeditionen in unsere gesellschaftliche Realität: So wollten die Sicherheitskräfte an der Freiheitsstatue den "Streich" von "p.t.t.red" nicht bestätigen."Sie können nicht zugeben, daß das so einfach passieren konnte.Das wäre ein Eingeständnis von Versagen", erklärt Micheel.Und anders als im angeblich so obrigkeitshörigen Deutschland, wo man meist auf Gleichgültigkeit stoße, könne man in Amerika kaum eine Aktion in ihrer Guerilla-Art unternehmen, ohne daß einen sofort jemand verpetze."In Berlin dagegen huschen die Leute an allem einfach vorbei."

"Projekt Alpha Wolf" im Kunstamt Kreuzberg im Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 13.Dezember, di bis so 12-18 Uhr

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