Kultur : Rottenalarm

Heinrich von Kleist als Berliner Journalist

Martin Ernst

Was macht man, wenn man als Dichter und Beamter gescheitert ist? Man wird Journalist. So lautet das Resümee zum Auftakt der Kleist-Woche im Brecht-Haus. Die Gesprächsrunde mit Alexander Weigel, Jens Bisky und Peter Staengle beleuchtet die letzte prägende Epoche im Leben des Dichters, den Berlin-Aufenthalt 1810/11 und seine Tätigkeit als Herausgeber der „Berliner Abendblätter“.

Als Kleist im Frühjahr 1810 in Berlin auftaucht, ist die Lage prekär. Der erste Band der Erzählungen liegt wie Blei, das Nationaltheater ist in feindlicher Hand. Kaum vorstellbar, dass der „Prinz von Homburg“ jemals gespielt würde. Auch die Hoffnungen auf eine Hofstelle zerschlagen sich. Entsprang die Gründung der „Abendblätter“ also vielmehr dem Pragmatismus und weniger dem unbedingten Wunsch nach einem Organ zur „Beförderung der Nationalsache“? Betrachtet man die biografischen und zeitgeschichtlichen Umstände, spricht einiges dafür.

Unumstritten ist, dass Kleist in seiner Zeit eine publizistische Neuerung gelingt: Die „Abendblätter“, die vom 1. Oktober 1810 bis zum 30. März 1811 erscheinen, sind die erste Berliner Tageszeitung „zur Unterhaltung aller Stände des Volks“, ein Vorläufer des heutigen Boulevardjournalismus. Anders als etwa die „Vossische Zeitung“ erscheinen sie täglich, außer Sonntags. Und sie gehen weg wie warme Semmeln: hohe Auflage, billig in Herstellung und Verkauf, mit lokalen Geschichten. Weil die politische Berichtserstattung vom Staat an die Konkurrenz vergeben ist, macht Kleist aus der Not eine Tugend. In Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidenten Gruner, der ihm die „Polizei Rapporte“ zur Verfügung stellt, liefert er Kurioses aus Berlin: Tollwütige Hunde in Charlottenburg, Kutschenunfälle Unter den Linden, betrügerische Handelspraktiken auf dem Markt. Die Berichte über die brandstiftende Mordbrennerbande machen die „Abendblätter“ im ersten Quartal zum Publikumserfolg.

„Künftig werden wir ein Mehreres von dieser Rotte mitzutheilen Gelegenheit haben“, lockt Kleist den Leser am Ende der siebten Ausgabe. Zur Ablenkung vom Alltagsgeschäft streut Kleist aber auch Texte von hohem literarischem Rang unter die Sensationsgeschichten, die, von den Zeitgenossen kaum wahrgenommen, die Forschung noch heute beschäftigen. Es sind ernstzunehmende Theaterkritiken, komisch-skurrile Kurzprosa und nicht zuletzt der bedeutende Essay „Über das Marionettentheater“, der heute immer öfter in einem Atemzug mit den ästhetischen Schriften Schillers genannt wird. Aber der bissige Ton gegen das Nationaltheater, die versteckten Seitenhiebe gegen die Obrigkeit bleiben der Zensur nicht verborgen. Es folgt der Verlust der wichtigen Konzessionen. Mit den „Abendblättern“ scheitert der letzte Versuch, sich eine eigenständige Existenzgrundlage zu schaffen. Im November 1811 begeht der Dichter Selbstmord. Martin Ernst

Infos zur Kleist-Woche, die noch bis 29.7. dauert, unter: www.lfbrecht.de

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