Kultur : Rotterdam: Abschied von der weißen Moderne

Bernhard Schulz

In Siegfried Giedions berühmten Buch "Befreites Wohnen" von 1929 sind drei Seiten der Wohnsiedlung in Hoek van Holland gewidmet, die J. J. P Oud zwei Jahre zuvor fertig stellen konnte: zwei Fotografien und ein Grundriss. Rubriziert ist die Siedlung unter "Haus des Existenzminimums". Noch war die Weltwirtschaftskrise nicht hereingebrochen. Gleichwohl standen die vermeintlich goldenen zwanziger Jahre selbst zu ihrer Blüte im Schatten drückender sozialer Probleme als der Hinterlassenschaft des Ersten Weltkriegs.

Jacobus Johannes Pieter Oud, der holländische Architekt, gilt spätestens seit Giedeons Propagandaschrift als ein Hauptvertreter des "Neuen Bauens". Mit seinem Zeilenbau in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung erzielte Oud 1927 seinen internationalen Durchbruch. Die "Wohnung für das Existenzminimum", von Giedeon und vor allem vom Bauhaus-Gründer Walter Gropius als wichtigste Bauaufgabe deklariert, schien in dem 1890 geborenen Oud ihren kongenialen Architekten gefunden zu haben.

Doch das ist nur ein, wenn auch das herausragende Kapitel im Werk Ouds. Das Niederländische Architekturinstitut (NAI) in Rotterdam zeigt jetzt als Ergebnis vierjähriger Recherche die erste Retrospektive des Gesamtwerks, das von den Anfängen 1913 bis zu Ouds Tod im Jahre 1963 immerhin fünf Jahrzehnte überspannt. Begleitet wird die Übersicht, die erstmals beide Etagen der weitläufigen Ausstellungshalle des NAI belegt und zugleich die Abschiedsveranstaltung der Berliner Direktorin Kristin Feireiss markiert, von einem Werkverzeichnis von nicht weniger als 575 Seiten Umfang.

Die Oud-Recherche steht damit in einer Reihe mit vergleichbar gründlichen Untersuchungen weiterer holländischer Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1992 widmete Utrecht dem in den Lebensdaten mit Oud beinahe identischen Gerrit Riedveld eine Retrospektive, 1997 das NAI dem früh verstorbenen Michel de Klerk, im vergangenen Jahr wiederum Utrecht dem eher als bildender Künstler tätigen Theo van Doesburg, mit dem zusammen Oud 1917 die europaweit einflussreiche Zeitschrift "De Stijl" begründete. Das Bild der niederländischen Avantgarde der ersten Jahrhunderthälfte hat sich durch diese Untersuchungen ungemein differenziert, und genauso wird die Oud-Retrospektive zu einer veränderten Sicht führen.

Bislang nämlich war das Werk des 1890 in der Kleinstadt Purmerend geborenen Oud vorwiegend unter dem Aspekt des "Neuen Bauens" bekannt - was der Architekt später schuf, stieß auf betretenes Schweigen. Oud sagte sich nämlich Ende der dreißiger Jahre von der "weißen" Moderne los und entwarf mit der Hauptverwaltung des Ölkonzerns "Shell" in Den Haag einen überraschend traditionalistischen, ja akademischen Bau - monumental, symmetrisch und zudem bis ins Detail vom Architekten selbst ornamentiert. Der mächtige Bau, der durch die Kriegsereignisse bedingt erst Ende der vierziger Jahre international bekannt wurde, beschädigte Ouds Reputation als Vertreter der Moderne nachhaltig. Auch nicht die Spur einer Verbindung schien noch zu bestehen zu Frühwerken wie dem "Café De Unie" in Rotterdam (1924), das in den von "De Stijl" propagierten Primärfarben keck zwischen seinen historischen Nachbarn hervorleuchtet. Spätere Entwürfe wie das Nationaldenkmal im Amsterdam (1946/56) oder die Siedlung in Arnheim (1951/53) fanden unter dem Diktat des nunmehr von den Vereinigten Staaten diktierten "International Style" kaum mehr Beachtung.

Dabei knüpfte Oud gerade mit der Arnheimer Siedlung an seine Anfänge an. Nicht weniger als fünfzehn Jahre lang, von 1918 bis 1933, war er als Chefarchitekt der Rotterdamer Wohnbaubehörde tätig. Die enorme Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg, in Holland eine Folge nicht zuletzt innerstädtischer Sanierungsmaßnahmen, zwang zum Siedlungsbau mit den denkbar knappsten Mitteln. Unter diesen restriktiven Bedingungen verwirklichte Oud Siedlungsprojekte, die sich bis heute als Musterbeispiele für die humane Bewältigung der Wohnungsnot bewährt haben. Dies gilt ungeachtet der seit dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich gestiegenen Ansprüche an Umfang und Ausstattung des Wohnraums. Die für eine Lebensdauer von 25 Jahren konzipierte Siedlung von Alt Mathenesse, einem Vorort von Rotterdam, fiel Anfang der achtziger Jahre der Spitzhacke zum Opfer.

Abriss der Geschichte

Das gleiche Schicksal drohte Ouds berühmtester Siedlung, "De Kiefhoek" im armen Süden Rotterdams, wo zwischen 1925 und 1930 knapp 300 Wohnungen von weniger als 60 Quadratmetern Gesamtfläche entstanden - hollandtypisch verteilt auf zwei Etagen. Die langgestreckten, parallel ausgerichteten Reihenhäuser unterscheiden sich von den gleichzeitigen Siedlungen von Gropius in Berlin oder Ernst May in Frankfurt am Main nicht zuletzt durch die städtebauliche Struktur, die einen - selbstverständlich kubischen - Kirchenbau ebenso einschließt wie die geradezu dramatische Betonung zweier an dieser Stelle geknickter und aufeinander zu laufender Hausreihen durch gerundete Ladenlokale. Immer wieder ist diese Straßenkreuzung abgebildet worden. Sie wurde zu einer Ikone des "Neuen Bauens", hinter deren formaler Strenge und visueller Kraft die soziale, von materieller Not diktierte Grundhaltung verschwand.

Die Siedlung "De Kiefhoek" konnte gerettet werden, indem jeweils zwei - seinerzeit für mehrköpfige Familien berechnete! - Wohneinheiten zusammengelegt wurden. Die Kargheit, auch Monotonie, die zeitgenössische Fotografien von den weiß verputzten Hausreihen vermitteln, ist heute dem üblichen Erscheinungsbild von parkenden Autos und dekorierten Vorgärten gewichen. Auch die Hauszeile in Hoek van Holland, einst als Akzent gegen die backsteinerne Behäbigkeit der Jahrhundertwendebauten gedacht, fügt sich mittlerweile als Geschichtszeugnis friedlich in ihr Umfeld ein.

So sollte sich auch die lang anhaltende Kontroverse um Ouds Spätwerk mit der Rotterdamer Ausstellung endgültig erledigen. Das NAI hat den amerikanischen Altmeister Philip Johnson um eine Installation gebeten - den erklärten Häretiker der klassischen Moderne, der seinerzeit die Kritik an Ouds "Shell"-Haus anführte. Die weiße Doppelspirale, die Johnsen für die Ausstellung entwarf, trägt zwar zum Verständnis des Oudschen Werks herzlich wenig bei, aber sie ist eine hübsche Geste über den einstigen ideologischen Graben hinweg. J. J. P Oud wird vom NAI als "poetischer Funktionalist" vorgestellt: auch dies ein zweifelhaftes Etikett. Oud blieb immer Funktionalist in dem Sinne, dass er eine gestellte Aufgabe angemessen und ökonomisch lösen wollte; aber er besann sich auf die Tradition, als die Leitsätze des "Neuen Bauens" zum schieren Dogma verkamen. In Rotterdam besteht Gelegenheit, das µuvre eines großen Architekten des 20. Jahrhunderts endlich in seiner Gesamtheit zu begreifen.

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