Kultur : Rotwein und Schlafsack

Rauh, aber zärtlich: Philipp Grönings „L’amour“

Jan Schulz-Ojala

Paris ist ein, zwei, drei Autotunnels in der Nacht. Paris ist ein alter Jaguar, mit dem man durch diese Tunnels braust Richtung Meer. Paris ist die Rotweinflasche, die man entkorkt während der Fahrt, Paris ist der Ausruf zwischen zwei Schlucken: „Wir sind in Paris!“ Und der Eiffelturm, der Triumphbogen, die Champs Elysées? Kann man immer noch angucken durch eine dieser Touri-Plastiksouvenirkameras auf dem Rastplatz an der Ausfallstraße. Ja, Paris ist so ein flirrender, leuchtender Rastplatz, wo man den Jaguar parkt und Souvenir um Souvenir wegklickt, Zwischenstation in der Nacht zum Meer.

Paris ist schon eine ziemlich späte Station für David und Marie. Wieder sind sie aus- und aufgebrochen, wie immer jetzt und sofort, doch diesmal wagen sie was. Am anderen Morgen werden sie aufwachen über der Steilküste, Cap Finisterre, Kap Ende der Erde, Ende auch des heftigen Lebens, wie es bisher war. Man kann von hier aus im Atlantik verschwinden für immer, aber das ist es nicht. Man kann seine schnelle Taufe nehmen im Eiswasser, das schon eher. Und dann bibbernd zurück ins Warme.

Philip Grönings „L’amour“ endet sehr ausdrücklich am Meer – und das ist schön so. Nicht nur, weil die Helden nach zwei Stunden, sieben Minuten dort zum ersten Mal zur Ruhe kommen. Nicht nur, weil wir das Meer im November allenfalls im Kino sehen. Nein, weil der Mensch überhaupt ab und zu Filme braucht, die am Meer enden. Und Filme, die den Rotwein nicht vergessen dabei und Schlafsäcke für zwei, und dann ist da am Morgen das Meer.

Sie sind Waisen, auf eine Art, und sehr jung. Sabine Timoteo, die schon so ungebärdig zerbrechlich in Maria Speths „In den Tag hinein“ lebte, spielt Marie vom Straßenstrich, Marie auf eigene Rechnung, Marie, die eines Nachts David anquatscht. Und Florian Stetter, für den Thomas Arslans „Schöner Tag“ ein schöner Kino-Anfang war, spielt diesen David, einen Wuschelhaar-Jungen mit eingegipstem Arm – ein bisschen zu schwach für den taffen Zuhälter, den er sich später selber vorspielt, mit Wumme, Kettchen und Blondschnitt. Denn eigentlich ist er nur einer, der mitgeht, nicht als Freier, sondern als Liebhaber, und sich mitreißen lässt von Marie in ihr rauhes Wegwerfleben.

Ein Film nur für zwei; Nebenfiguren, no names, tauchen auf und verschwinden in 35mm-Cinemascope. Und, nicht zu vergessen, ein Film für Kurt. Kurt, Maries Hund, begleitet sie überall hin. Wenn Marie ihr Freiergeld wäscht am Bankschalter – „einzahln!“, ruft sie – und es sauber aus dem Geldautomaten zieht. Wenn das Paar mal auseinander ist und schnell wieder zusammen. Wenn es schließlich eine kleine Bordell-Wohnung nimmt in Duisburg im Sperrgebiet und mit den örtlichen Luden aneinandergerät. Kurt ist Davids und Maries Schutzengelhund, Kurt, der nicht beißt und nicht bellt, Kurt, der Hund aus der besseren Welt.

Vor fünf Jahren gedreht und vor zwei Jahren in Locarno und letztes Jahr in Saarbrücken mit Preisen bedacht: „L’amour“, der zunächst „L’amour, l’argent, l’amour“ (Liebe, Geld, Liebe) hieß, hat eine lange Geschichte. Und findet jetzt, herausgebracht vom neuen Verleih Kinostar, seinen einzig richtigen Platz: auf der Leinwand. Das Kino ist der Ort für seine doppelbelichteten Roadmovie-Nachtträume, seine Großaufnahmen von zitternden Körpern und Seelen (Kamera: Sophie Maintigneux), der Ort für die Traummusik von Yo La Tengo und Can und Velvet Underground, der Ort für Sabine Timoteos Stimme, die kratzt und streichelt und lockt und wegschiebt und wärmt.

Ja, man sollte, 24.Reihe Mitte, Rotwein und Schlafsack mitnehmen dürfen zu zweit und sehen und hören und auch mal die Augen schließen für eine Sekunde in Duisburg oder Paris. Der Film ist dann immer noch da. Und irgendwann kommt das Meer, ganz von allein.

Central, Moviemento

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