Kultur : Routine? Neugier!

YOUNG EURO CLASSIC

Sybill Mahlke

Mit Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funebre für Violine und Streichorchester“ eine Publikumsresonanz zu erzielen, als werde Brahms oder Beethoven gerade noch von einer Paganini-Zugabe gekrönt, das kann wohl nur Berlins Europäischem Musiksommer gelingen. Denn dessen Besucher bringen eine Musikeuphorie ins Konzerthaus, einen leidenschaftlichen Eifer des Erlebens, der Lust auf das Unbekannte einschließt. Bei den Veranstaltungen von Young Euro Classic schreibt das Publikum sein eigenes kulturpolitisches Kapitel: Die Begeisterung steht im Zeichen von Offenheit und Neugier.

Davon profitieren auch die Musikerinnen (in beachtlicher Überzahl) und Musiker des internationalen Gustav Mahler Ju gendorchesters , das Claudio Abbado gegründet und dessen Leitung jetzt Ingo Metzma cher innehat. Das Hartmann-Konzert, entstanden 1939 und bewegt von allem, was ein solcher Komponist in schwerer Zeit „denkt und fühlt“, spielt hier der phänomenale griechische Geiger Leonidas Kavakos. Erstaunlich zeigt sich in diesem Stück die Diskretion des Virtuosen, sein Ton, der über die Macht verfügt, Introvertiertheit darzustellen. Die religiösen Meditationen, die der junge Olivier Messiaen 1930 „Les Offrandes oubliées“ betitelt hat, zielen mit ihren klaren Klängen auf die hochrangige Streicherkultur der Violinen in der „Eucharistie“.

Eingeleitet von Begrüßungsworten der „Patin“ Christina Weiss erreicht das Programm Überlänge. Und es lässt in seinem diffizilen Hauptstück, der fünften Symphonie von Gustav Mahler, Wünsche offen. Denn Metzmachers dramatische Intentionen treten einem Orchester gegenüber, das – aus Gründen der Menge und Fluktuation seiner Mitglieder – kein „Klangkörper“ im klassischen Sinn ist. Das Prinzip des wandelbaren Jugendorchesters widersetzt sich der polyphonen Deutlichkeit Mahlers, seinem Eigenklang. Das heißbegehrte Mitspielen wird dennoch zum Erlebnis.

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