Kultur : Rowohlt feiert seinen 50. Geburtstag

Claudia Keller

Er wäre nie entdeckt worden, gäbe es das Taschenbuch nicht. Denn Paul Austers "New York Triologie", die den amerikanischen Autor über Nacht berühmt machte, erschien zunächst als Taschenbuch. Am Dienstag las er als Stargast in der überfüllten Akademie der Künste, wo die rororo-Reihe ihren fünfzigsten Geburtstag feierte und an ihre Anfänge erinnerte. "Lieber Herr Tucholsky! Hoffentlich sterben Sie recht bald, damit Ihre Bücher billiger werden", schrieb ein Verehrer in den dreißiger Jahren. Er dachte mit Sicherheit nicht an eine kartonierte Ausgabe des Buches. Denn nur Groschenromane kamen in den dreißiger Jahren in einem Pappeinband auf den Markt. Als 1946 Heinrich Maria Ledig-Rowohlt Tucholskys "Schloß Gripsholm" als großformatige Zeitung unter der Bezeichnung "Rowohlt-Rotations-Roman" herausbrachte, kam das einer Revolution gleich: 100.000 Exemplare zu 50 Pfennig pro Buch - ein Stück Butter kostet zur gleichen Zeit 250 Mark. Bücher und Geld waren in Deutschland nach dem Krieg knapp, nicht aber der Lesehunger und der Nachholbedarf an guter Weltliteratur.

Ledig-Rowohlt war der erste deutsche Verleger, der den Amerikanern das kostensparende Klebebindverfahren der pocket-books abschaute. Am 17. Juni 1950 war es so weit: Die vier ersten rororo-Taschenbücher erschienen - Tucholskys "Schloß Gripsholm", Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?", Graham Greenes "Am Abgrund des Lebens" und Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" zu 1,50 Mark das Stück und mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren pro Titel. Überall und zwischendurch konnte man die Taschenbücher aufschlagen. Gleichwohl, gewöhnungsbedürftig war es schon, Weltliteratur auf so hohem Niveau nun als Pappband serviert zu bekommen. 1952 waren schon drei Millionen rororos unters Volk gebracht. Sie machten die jahrelang verfemten Klassiker wieder zugänglich, holten Faulkner, Hemingway und Thomas Wolfe ins deutsche Leseland und setzten Camus und Beckett durch.

Das Erfolgsprinzip fand schnell Nachahmer. 1952 erschienen die ersten sechs Fischer-Taschenbücher, darunter Thomas Manns "Königliche Hoheit". Auch sie hatten eine Startauflage von 50.000 und kosteten 1,90 Mark. 1952 sorgten auch die ersten Goldmann-Krimis in Taschenbuchformat für Spannung. rororo legte nach: Schlag auf Schlag bereicherte eine neue rororo-Taschenbuchreihe nach der anderen die Büchertische. Von den rowohlt enzyklopädien über die monographien bis hin zu Martin Walsers Frage "Brauchen wir eine neue Politik?" im ersten rororo-aktuell 1961. Ob mit den rororo thrillern, dem sachbuch oder 1968 mit rororo sexologie - Rowohlt schaffte es, die neuen gesellschaftlichen Umbrüche ins Taschenbuch zu holen. Kein Trend wurde ausgelassen. Auch der Fischerverlag, Goldmann und Heyne diversifizierten ihre Taschenbuchprogramme in thematische Reihen. 1961 war der Deutsche Taschenbuchverlag gegründet worden, zunächst um Hardcover-Bände der renommierter Häuser wie Hanser, Artemis & Winkler und Kösel weiter zu verwerten.

Die Bilanz der rororos kann sich sehen lassen: 15.000 Titel mit einer Gesamtauflage von 525 Millionen. Heute erscheinen monatlich (!) 40 neue Titel. Das Taschenbuch insgesamt ist mit 17 Prozent die größte Warengruppe im derzeitigen Buchhandel. Die Zahlen bestätigen allerdings: Heute gibt es Taschenbücher wie Sand am Meer. Die Flut von Reihen - einzelne Titel sind längst aus dem Auge geraten - haben den Taschenbuchmarkt aus den Fugen gehoben. Dennoch: Ohne die geniale Erfindung des rororo-Taschenbuchs wären viele Klassiker schon längst aus den Regalen verschwunden, viele Trends verpasst und gute Autoren unentdeckt geblieben.

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