RSB-Konzert in der Philharmonie : Holzschnittig

Mahlers 1. Symphonie mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marc Albrecht in der Philharmonie.

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Der Dirigent Marc Albrecht.
Der Dirigent Marc Albrecht.Foto: Marco Borggreve

Mahler und Ligeti, das passt gut zusammen. Die Sphärenmusik der „Atmosphères“ und der Anfang von Mahlers Erster, mit den leeren Quarten als Bild der Welt im Urzustand, bis die Klarinette ihren kecken Kuckucksruf anstimmt – das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Marc Albrecht nähert sie einander an: letzte und erste Klänge, Weltenferne, Welterschaffung. Ligetis sinnlich-abstraktes Tongemälde in der Philharmonie ist einmal mehr ein irres Klangraum-Erlebnis für Herz und Ohr, Nerven und Magengrube. Werter Kulturstaatssekretär Renner, gestreamt ist der Kick weg, ob live oder nicht. Das Gleiche gilt für Mahlers verwegene symphonische Schöpfungsvision, vom Ursuppen-Anfang bis zu den katastrophischen Blechbläser-Kaskaden im Schlusssatz.

Dazwischen die jugendstilige Weltentrückung von Alban Bergs sieben frühen Liedern für hohe Stimme in der Orchesterfassung – ein sinnfälliges Programm. Wobei Dorothea Röschmann bei Berg vor allem das Tragische hervorkehrt und die kapriziöse Poesie mit kräftigem Vibrato und expressiver Deklamation überformt. Große Oper mit leider zu lautem Orchester: Röschmanns dunkel timbrierter Sopran kann Spitzentöne meisterlich erblühen und verdämmern lassen, aber die divergierenden Register der tiefen, mittleren und hohen Lage machen jeden Bogen, jeden Sinnzusammenhang zunichte.

Marc Albrecht dirigiert sportlich, einen deutlichen, überdeutlichen Mahler. Die Ländler extra-täppisch, die Accelerandi unerbittlich, die Verzweiflung durchbuchstabiert. Volkston, Traum und Ekstase sind holzschnittig hart gegeneinander montiert. Die Farb- und Verfremdungseffekte von Mahlers Instrumentationskunst sind eher nicht Albrechts Sache. Auch wenn dem RSB alles Zarte vorzüglich gelingt, all das, was an Ligeti erinnert. Die „Lindenbaum“-Reminiszenz im Kondukt des dritten Satzes, ein Windhauch aus dem Jenseits. Das lasziv-süffige Trio im Scherzo, eine Insel des Glücks. Die Koketterie der Oboe. Es sind immer wieder die versprengten Reste von Utopie, die bei Mahler verblüffen.

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