''Ruanda Revisited'' : Schuld des Westens

Kann man einen Genozid begreifen? „Ruanda Revisited“ im HAU

Patrick Wildermann
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Satt, zynisch. Ana Kerezovic und das Datum des Kriegsbeginns. Foto: Baltzer/Bildbühne.de

Zahlen kennen keine Gefühle. Und sie können keine auslösen. Auch nicht, wenn es sich um sogenannte Horrorzahlen handelt. Was sagt es uns, dass 800 000 Menschen binnen 100 Tagen abgeschlachtet wurden? Wenig, denn es sprengt die Vorstellungskraft. Das weiß auch der Regisseur Hans-Werner Kroesinger. Deswegen operiert seine jüngste Inszenierung „Ruanda Revisited“ im Hebbel am Ufer zwar viel mit der Mathematik des Grauens – aber er gibt ihr mit Dokumenten, Zeitzeugnissen und Schicksalsberichten fassbare Gestalt. Seine Rechenbeispiele zielen auf ein Herz, das es zu finden gilt. Da wird etwa aus US-Regierungskreisen zitiert, erst für die Rettung von 85 000 Afrikanern lohne es sich, das Leben eines GIs zu riskieren.

Der Völkermord in Ruanda, wo zwischen April und Juli 1994 radikale Hutu-Milizen die Tutsi-Minderheit im Lande niedermetzelten, zumeist mit Macheten, ist ein Fanal der unterlassenen Hilfeleistung. Es spielt im öffentlichen Bewusstsein des Westens keine Rolle mehr, im Gedächtnis der Politik schon gar nicht, und es hat bis heute wenig Widerhall in der Kunst verursacht. Kroesinger rollt den Fall neu auf. Und er klagt an. Immer wieder beruft er sich dabei auf Berichte des kanadischen Kommandanten der UN-Blauhelmtruppen, Romeo Dallaire, der mit seinem Kontingent ohne Mandat zur Untätigkeit verdammt blieb, aufgerieben zwischen den Planspielen höherer Mächte. Nationen haben keine Freunde, sie haben Interessen, heißt es einmal sinngemäß mit de Gaulle. Der Abend ist befeuert von kalter Wut, er trägt ein „Nie wieder!“ transparentgroß vor sich her. Der Dokumentartheater spezialist Kroesinger, der sich in der Vergangenheit unter anderem mit dem Eichmann-Prozess, dem Bürgerkrieg im Libanon, dem Kosovo-Konflikt und den Anschlägen des 11. September befasst hat, glaubt an die Einmischungs- und Aufklärungskraft des Theaters. Und das ist ja erst mal eine bewundernswerte Haltung.

Vor einer nüchternen Wand, die an den Flur eines Konferenzzentrums erinnert (Ausstattung: Valerie von Stillfried), führen fünf Spieler zu Beginn durch die Kolonialgeschichte des afrikanischen Landes, das kaum größer ist als Brandenburg. Im geschwinden Referatsstil, maskiert mit geschäftsmäßiger Unbeteiligtheit, wird über die Vorbedingungen des Genozids doziert: Wie etwa die Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi, ursprünglich bloß die Bezeichnung für zwei durchlässige soziale Schichten, durch die belgische Kolonialmacht per Passeinführung zum ethnischen Faktum gestempelt wurde. Empörung setzt Wissen voraus.

Kroesingers Inszenierung nimmt Partei, sie verortet die Schuld an der Eskalation des Konflikts klar im Westen – wobei ihm die Recherchelage recht gibt. Warum moralische Grauzonen aufdecken, wenn man die Fakten schwarz auf weiß hat? Die Schauspieler, Judica Albrecht und Ana Kerezovic im Business-Kostüm, die Männer (Armin Dallapiccola, Gotthard Lange und Lajos Talamonti) in Anzug und Krawatte, verkörpern dabei einen Zynismus der Übersättigten, der im Zitat eines US-Militärs gipfelt. Der setzt den Genozid mit einem Käsesandwich gleich. Über beides müsse man sich keine Gedanken machen.

So profund die Ermittlungen des Regisseurs sind, so sehr irritieren allerdings bisweilen seine Bühneneffekte. Wenn etwa das Publikum – typisch für Kroesingers Spiel mit Perspektivwechseln – nach einer halben Stunde den Saal verlassen soll, im Foyer belegte Käsebrote (!) essen darf und dann durch Seitengänge auf die Hinterbühne in eine Art Armeezelt geführt wird, in dem donnernder Hubschrauber-Sound ein Mittendrin-Gefühl provozieren will. Das ist Kirmeszauber, den seine Inszenierung nicht nötig hätte, die doch ansonsten eine so wuchtig erschütternde Chronologie der humanitären Katastrophe schreibt. Und die sich eben nicht damit begnügt, den Zuschauer in einen Stand ohnmächtiger Entrüstung zu versetzen, sondern an sein politisches Bewusstsein appelliert.

„Ruanda revisited“ findet indes ein höchst einleuchtendes Schlussbild. Da fällt die Wand des Armeezelts und gibt den Blick frei auf den Zuschauerraum, in dem noch die eigenen Jacken und Taschen liegen, wie auf der Flucht zurückgelassene Habseligkeiten. Plakativ, sicherlich. Aber es stellt noch einmal die dringlichste Frage dieses Abends: Was hat ein Völkermord in Afrika mit uns zu tun?

Wieder 10.–13. Januar, 20 Uhr, HAU 3

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