Rudolf Steiner : Das innere Schauen

Künstler, Philosoph und Guru: Wolfsburg entdeckt Rudolf Steiner. Es geht ihm um die Zusammenführung der wissenschaftlichen und der künstlerischen Erkenntnis und zugleich um beider „Verwirklichung“ in einem ganz wörtlichen Sinne.

von

Wie eine riesige Schildkröte liegt das „Goetheanum“ auf einer Anhöhe im schweizerischen Birstal. Zehn Kilometer von Basel entfernt tut sich eine andere Welt auf. Die stattlichen Häuser des Ortes Dornach, der sich zu Füßen des „Goetheanums“ ausbreitet, zeigen typischen Schweizer Wohlstand. Doch ihre Formen weichen ab. Zumal das „Goetheanum“ selbst: Ganz aus Beton gegossen, ist es doch von organischer Gestalt. Ein Widerspruch, so scheint es, den Begründungsbau der organischen Architektur ganz aus dem anorganischen Material Beton gestaltet zu finden. Es ist ein Rätsel, wie es für Rudolf Steiner bezeichnend ist.

Rudolf Steiner (1861–1925) war kein Architekt. Er ist der Begründer der Anthroposophie, die er in jahrelanger Auseinandersetzung mit der vorangehenden Theosophie entwickelte und zu einem eigenständigen Lehr- oder besser Lebensgebäude entwickelte. Auf seinen rastlosen Vortragsreisen – er soll über 6000 Vorträge gehalten haben, deren Mitschriften nicht weniger als 270 gedruckt vorliegende Bände füllen! – lernte er die europäische Architektur seiner Zeit kennen, und das heißt vor allem: die historistische Architektur. „Im stillen Anblick erwuchs in meiner Seele, was ich dann in die Formen des Goetheanums prägen durfte“, hat Steiner in seiner im Todesjahr erschienenen Autobiografie geschrieben, und diese Art der Aufnahme und schöpferischen Verarbeitung von Gesehenem, Gehörtem, Gelesenem dürfte für Steiners Werk insgesamt kennzeichnend sein.

Die Anthroposophie, abgesehen von ihren praktischen Weiterungen bis hin zu Waldorfschulen, Weleda-Kosmetik oder Demeter-Naturkost, wird eher mit Distanz wahrgenommen. Dornach und das Goetheanum sind allenfalls Kennern bekannt, und gar die vier „Mysteriendramen“ Steiners nur Eingeweihten. So schien es dem Kunstmuseum Wolfsburg ein „nicht unumstrittenes Thema“ zu sein, wie dessen Leiter Markus Brüderlin betont, das Gesamtwerk Steiners und zugleich dessen Nachwirkung in einer Doppelausstellung vorzuführen.

Natürlich beeindruckt gleich zu Beginn des Rundgangs die Regalwand mit 308 Bänden der Gesamtausgabe Steiners. Daneben verblasst sogar das Steiner’sche Zentralgestirn Goethe. Aber dann tritt in Wolfsburg doch ein durchaus anrührend-mühsamer Künstlerwerdegang zutage, dessen zeitgenössische Einbindung in Lebensreform, Jugendstil, Expressionismus stets erkennbar bleibt. Steiner – der übrigens bis 1923 zwei Jahrzehnte lang in Berlin gemeldet war – zog sich nach Beginn des Ersten Weltkriegs notgedrungen nach Dornach zurück, als an Vortragsreisen kaum noch zu denken war.

Seit 1913 entstand hier das erste „Goetheanum“ als doppelt überkuppelter Holzbau auf dem Grundriss zweier verschränkter Kreise. Die von Steiner in dieser Werkphase bevorzugten Formen nehmen sich weit organischer aus als die späteren, eckigen; jedenfalls auf den ersten Blick, weil sie vorgefundene Formen der Natur adaptieren. Oder auch solche des Alltags: Ganz prosaisch bezeichnete Steiner seinen architektonischen Erstling als „Gugelhupftopf“. Steiner suchte nach Formen, „wie die Erde Pflanzen aus sich herauswachsen lässt“ – ein Gedanke, ganz verblüffend veranschaulicht von Karl Blossfeldt, der in Nahaufnahmen die komplizierte Bauweise der Pflanzen entschlüsselte. Und so Goethes Kerngedanken der „Metamorphose der Pflanzen“ sichtbar macht, „dass gewisse äußere Teile derselben sich manchmal verwandeln und in die nächstliegenden Teile bald ganz, bald mehr oder weniger übergehen“.

Der stilistische Bruch kommt mit der Zerstörung des ersten „Goetheanums“ durch Brandstiftung in der Silvesternacht 1922. Die nun gefundenen Formen, eckig, kantig, expressiv, sind nicht länger mimetisch, nachahmend, sondern abstrahieren von allen Vorbildern. Sie folgen dem Weg des „inneren Schauens“. „Stücke von der Ellipse, Stücke von der Hyperbel werden Sie in unserem Bau überall finden“, so Steiner in einem Vortrag 1914, lange bevor einer seiner Architekturentwürfe ausgeführt war. „Wie können uns nicht immer zum Bewusstsein bringen, was darinnen liegt, aber unser Astralleib, unser Unterbewusstsein, wie er das Mathematische enthält, so enthält er die Geheimnisse des Kosmos und empfindet es in der Tiefe.“

Erstaunlich ist, was die vom Vitra-Design-Museum im äußersten Südzipfel Badens organisierte Ausstellung aus dem kaum 20 Kilometer Luftlinie entfernten Dornach, aus dem Steiner-Archiv und der Kunstsammlung des Goetheanums ausleihen konnte. Stühle, Schränke, Architekturmodelle, vor allem aber eine Vielzahl der zumeist im letzten Lebensjahrfünft entstandenen „Wandtafelzeichnungen“, die Steiner zu seinen Vorträgen anfertigte. Sie sind über ihren begrifflichen Gehalt hinaus von großer Schönheit, in farbigen, sparsam gesetzten Kreidestrichen auf schwarzem Papier. „Man muss ebenso denken können in Farben, in Formen, wie man denken kann in Begriffen, in Gedanken“, lautet einer der in der Ausstellung zitierten Kernsätze Steiners.

Joseph Beuys übersetzte sich Steiners Denkvorgang als „anschauende Urteilskraft“. Nirgends sind Steiners Wandtafelzeichnungen gegenwärtiger als in Beuys’ Kreidetafeln. In einem Brief von 1971 schrieb Beuys, es sei „die große Leistung Steiners, gar nichts ,erfunden’ zu haben, sondern (nur) aus der unendlich gesteigerten Wahrnehmung heraus vorgetragen zu haben, was des Menschen höhere Sehnsucht ist, wenn er es auch noch nicht weiß“. Diesem „Vorwissen“ hat Beuys Ausdruck gegeben, man denke nur an das seinerzeit belächelte Projekt der „Verwaldung“ Kassels mit 7000 Eichen.

Beuys ist selbstverständlich in der zweiten Wolfsburger Ausstellung vertreten, die den Titel trägt „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart“. Solche „und die Gegenwart“-Ausstellungen tendieren zur Beliebigkeit, allein schon weil Kunst immer mit Kunst zusammenhängt und es nicht schwerfällt, von Steiners bildlichem Denken Bezüge beispielsweise zu den Arbeiten eines Olafur Eliasson oder Anish Kapoor herzustellen. Die bei Weitem treffendste Arbeit, was das Denken Steiners anbetrifft, ist jedoch der aus einer vorangehenden Ausstellung verbliebene Farblichtraum von James Turrell, eine Herausforderung der eigenen Sinne. Er allein schon lohnt die Reise.

Gegen Ende der Steiner-Übersicht findet sich die Wandtafelzeichnung „Wissenschaft – Kunst“ vom 7. Dezember 1923. Dort heißt es zur Wissenschaft: „Ich bin Erkenntnis, aber was ich bin, ist kein Sein“, und zur Kunst: „Ich bin die Phantasie, aber was ich bin, hat keine Wahrheit“. Darin liegt ein Schlüssel zum Denkgebäude Steiners. Es geht ihm um die Zusammenführung der wissenschaftlichen und der künstlerischen Erkenntnis und zugleich um beider „Verwirklichung“ in einem ganz wörtlichen Sinne. Der Betonbau des „Goetheanums“ ist eine solche Verwirklichung: die sinnlich fassbare Realität geistiger Prozesse.

Steiner entstammt dem Zeitalter von Naturwissenschaft und Materialismus, einem Zeitalter der Zergliederung; mit dem ungeheuer populären Naturforscher Ernst Haeckel, dem Autor der „Welträtsel“, war Steiner in jüngeren Jahren eng verbunden. Ein anderer, von ihm nie erwähnter Zeitgenosse indessen war Sigmund Freud. Zwischen diesen Koordinaten von Naturwissenschaft und Psychoanalyse ist Steiner historisch zu finden. Mit der Wolfsburger Ausstellung gelingt eine Annäherung abseits aller Esoterik.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 3. Oktober, Di-So 11-18 Uhr. Katalog „Die Alchemie des Alltags“, 74,90 €; „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart“, 34,80 €. www.kunstmuseum-wolfsburg.de

1 Kommentar

Neuester Kommentar