Rudresh Mahanthappa bei der Wassermusik : Migrationsbewegungen im Tiergarten

Quecksilbriger Hardbop, handfeste Funkgrooves: Rudresh Mahanthappa und seine „Kinsmen“ bei der Wassermusik im Haus der Kulturen der Welt.

Tobias Richtsteig
Rudresh Mahanthappa (2.v.l) und seine Musiker, darunter der zweite Altsaxofonist Kadri Gopalnath (2. v. r).
Rudresh Mahanthappa (2.v.l) und seine Musiker, darunter der zweite Altsaxofonist Kadri Gopalnath (2. v. r).Foto: Foto: La Frances Hui

Der Ortswechsel hat der Wassermusik gutgetan. Weil die Kongresshalle sich hinter Baugerüsten versteckt und die sonnige Dachterrasse mit Blick zum Kanzleramt geschlossen ist, schwebt die Bühne des Sommerfestivals nun buchstäblich über dem Wasser, wenn auch nur dem des Spiegelteichs vor dem Haus der Kulturen der Welt. Und das Publikum findet Platz auf Liegestühlen, Sitzkissen oder direkt auf der satten Wiese, im Hintergrund die Tiergarten-Bäume.

In dieser entspannten Park-Atmosphäre also eröffnete am Wochenende die achte Ausgabe der Wassermusik. „Mother India“ ist das vierwöchige Programm diesmal überschrieben, und der Jazzmusiker Rudresh Mahanthappa ließ am Samstag beim Konzert mit seiner Band „Kinsmen“ – auf Deutsch: „Verwandte“ – keinen Zweifel aufkommen: die kulturellen Beziehungen des Subkontinents haben sich mit der globalen Migration um die ganze Welt entfaltet.

Mahanthappa etwa ist ein New Yorker Altsaxofonist: seinem Vorgänger Charlie Parker hat er unlängst ein ganzes Album mit dem Titel „Bird Calls“ gewidmet. Er tritt in einem scharf geschnittenen Businessanzug auf, der Berufskleidung seines Standes, und nimmt auf der rechten Bühnenhälfte Aufstellung als Leiter eines Quartetts mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. Links nimmt ein Trio in traditionellen indischen Gewändern Platz auf einem Teppich: eine Geigerin, ein Handtrommler und ein zweiter Altsaxofonist: Kadri Gopalnath. Der wirkt mit Nickelbrille und strähnigem Haarkranz wie der Inbegriff eines kauzigen Gurus, doch dieser Eindruck verfliegt schnell, als endlich das Konzert beginnt. Mahanthappa eröffnet mit einem Solo in markant näselndem Ton, ähnlich der südindischen Oboe Nagaswaram.

Dann antwortet Gopalnath und wirkt dabei fast wie sein Zwillingsbruder – und doch ist sein Klang weicher, perlt mitunter wie quecksilbriger Hardbop. Und das Spiel mit den musikalischen Identitäten geht weiter: Mal fällt das Jazzquartett in handfeste Funkgrooves, dann entfaltet das Karnataka-Trio lange Improvisationen, die sich auf komplexe, doch schlafwandlerisch sicher intonierte Rhythmusmelodien und das Tonmaterial bestimmter Ragas beschränken. Als Schnittstelle in der Bühnenmitte fungiert der Schlagzeuger Dan Weiss, der in beiden Ensemblehälften mitspielt. Doch auch sonst wechseln Motive und Klänge beständig zwischen allen sieben Musikern, treffen sie sich zum wortwörtlichen Unisono, um dann wieder in kleineren Konstellationen miteinander ins Gespräch zu kommen. Nicht umsonst sehen sie sich als „Kinsmen“.

Schließlich greift Rez Abbasi, in Amerika gefeierter Jazzgitarrist, zu seinem bundlosen Zweitinstrument mit dem prägnantem Sitar- Sound, doch das tut er nur, um wenig später den von Gopalnath vorgeschlagenen Raga mit vollen Jazzakkorden zu reharmonisieren. Nach anderthalb Stunden konzentriert sich die Musik schließlich in der Mridangam-Trommel von Poovalur Sriji, und doch vermisst man dabei weder Melodie noch tonale Verortung. Während Musiker und Kulturen um den Erdball wandern, haben sie auch die Hörgewohnheiten und Sichtweisen Ihres Publikums verändert.

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