Kultur : Rückblick: Ahnengesänge

Roman Rhode

Voodoo braucht keine Schwarze Messe mehr, keine lebendigen Schlangen. Um die mächtige Energie der Ahnen aufleben zu lassen, genügen der hühnenhafte Gitarrist Jean-Paul Bourelly mit seinen haitianischen Wurzeln, Ex-Defunkt-Drummer Kenny Martin und der kräftige Afro-Cellist Muneer B. Fennell. Dieses Trio verbündet sich mit Voodoo-Künstlern aus Benin, der ursprünglichen Heimat des magischen Ahnenkults. Und die Gruppe Foula, die während der Diktatur Duvaliers die Voodoo-Zeremonien in den Bergen Haitis studiert hatte, bevor sie ins New Yorker Exil getrieben wurde, lässt Triangel, Trommeln und ein Saxofon sprechen. Das gemeinsame Projekt heißt Ayibobo, und den Musikern gelingt es, das Tempodrom in einen aufgeheizten Hounfort zu verwandeln: einen Voodoo-Tempel, der in Brooklyn, Haiti, Benin oder Berlin stehen könnte (heute und morgen um 21 Uhr 30, So um 16 Uhr). Die Musik ist teuflisch vertrackt, aber auch wunderbar zärtlich. In einer polymetrischen Orgie rufen die vier Schlagwerker den Olymp ihrer Schutzheiligen an, begleitet vom eindringlichen Gesang der Melodieinstrumente. Fenell, mit blankem Oberkörper, wirkt wie ein schräger Rostropowitsch vor den Wellblechhütten der Cité de Soleil. Und Bourelly, der sein Gesicht mit den weißen Mustern eines Vèvè bemalt hat, jubelt auf seiner E-Gitarre wie Jimi Hendrix. Im Shouting des Blues lebt die Ekstase des Voodoo, und Bourelly ist deren moderner Priester, der ohne jeglichen Zeremonienzauber auskommt.

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