Kultur : Rückblick: Alices Augen

Pamela Jahn

Die Revolution. Ja, ja. Die große, proletarische. Ist bekanntlich gescheitert. Und mit ihr die Illusion eines kleinen, schmächtigen Mannes im schlichten, blauen Anzug und roter Krawatte. "Der Traum ist aus ..., aber ich werde alles geben, damit er Wirklichkeit wird", hat sich Katrin Hentschel, Autorin und Regisseurin von "Alice und Lenin" gedacht und nähert sich damit dem Prinzip des gesellschaftlichen Scheiterns auf radikal fantastische Weise: Es ist kühl in der Theater-Traumwelt des Tacheles. Oktober 1917. Unverkennbar Lenin betritt - mit wehenden Fahnen und Trotzki im Rücken - die Bühne im revolutionären Moment. Der Sturm auf das Winterpalais steht unmittelbar bevor. Fieberhaft harren die Weltverbesserer dem siegkündenden Boten. Endlich. Mit einem Paukenschlag öffnen sich die mächtigen Tore dem Triumpfzug des Proletariats. Doch ein Nebelschwall verklärt den Blick. Und dann wird es Licht: Mondän schreitet "Herr weißes Kaninchen" die pompöse Revuetreppe hinab und trällert I am late, I am late, to a very important date. Wir sind angekommen im Wunderland. Alice meets Lenin. Während sie mit der durchgeknallten Teegesellschaft absurde Rätsel löst und sich ihre Vorstellung vom Paradies mehr und mehr in einer musikalischen Farce ihrer kindlichen Gedankenwelt verirrt, sinniert er unter dem Apfel der Erkenntnis über Macht und Freiheit und stürzt sich dabei in die totale Verwirrung. "Der Traum ist aus ...", seufzt Alice mit Rio-Reiser-zarter Stimme und bringt damit die Herzen des Publikums zum Leuchten, wie Lenin einst den Russen die Glühlampe beschert hat. Das Prinzip Hoffnung. Die alten Songs von Ton-Steine-Scherben sind der poetische Gefühlsteppich dieser theatralischen Versuchsanordnung über gescheiterte Utopien und fiktionale Welten. "Alice und Lenin" ist Opium für das Volk. Es lebe der Hentschelismus! Und damit entlässt die Traumrevolution ihre Kinder in die rauhe Oktobernacht (heute abend 20 Uhr und vom 8.-11.11.).

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