Rückblick : Der Sommer war groß

Kunstboom und Zukunftsmusik, Wallenstein und Valkyrie: Eine Rückschau auf das Kulturjahr 2007.

Documenta
Späte Blüte: Das Mohnfeld der Kroatin Sanja Ivekovic vor dem Fridericianum in Kassel. -Foto: dpa

KUNST



2007 war das Jahr der Kunst. Eigentlich. Das Zusammentreffen von drei Ausstellungsschwergewichten – die alle fünf Jahre stattfindende Documenta in Kassel, die Biennale von Venedig und die sich im Dekadenzyklus wiederholende Münsteraner Freiluftschau „Skulpturenprojekte“ – versprach eine weitere Beschleunigung des hochtourigen Kunstbetriebs. Innerhalb von zwei Wochen wurden die drei Ausstellungen im Sommer eröffnet.

Aber der Wunsch war größer als die Wirklichkeit. Documenta-Chef Roger M. Buergel und seine Partnerin Ruth Noack hatten Bildungserlebnisse und neue Seherfahrungen angekündigt. Dennoch zeigte das Duo in Kassel lieblos arrangiertes Allerlei im teuer erbauten Aue-Pavillon, dessen verunglückte GewächshausArchitektur nach dem Ende der Ausstellung wieder verschwand. Fridericianum, Neue Galerie und Documenta-Halle mit ihren farbenfrohen Wänden kamen beim Publikum besser an, aber das Konzept „Migration der Formen“ konnte nicht überzeugen. Den quantitativen Erfolg berührte das kaum: 754 301 Menschen kamen nach Kassel, über 10 000 mehr als vor fünf Jahren.

Gewinner des Wettlaufs zwischen hehrer Kunst und Marktgeschehen waren erneut die Messen. Ihre besten Werke präsentierten Künstler und Galeristen nicht in Kassel, Münster oder Venedig, sondern bei der Art Basel, dem vierten Sommer-Event. Hatten Kritiker spätestens für 2007 ein Platzen der Marktblase vorausgesehen, kann nach den jüngsten Auktionsergebnissen davon keine Rede sein. Erneut verzeichneten die großen Auktionshäuser in London und New York Rekordumsätze.

Dennoch fällt die Bilanz positiv aus: Das Interesse an Kunst ist nochmals gestiegen, sie dringt weiter vor in jeden Lebensbereich – vom Museumsbesuch als Freizeitvergnügen bis zur Gestaltung des Alltags. Bestes Beispiel: die Berliner Impressionisten-Schau „Die schönsten Franzosen aus dem New Yorker Metropolitan-Museum“ mit 680 000 Besuchern. Die drei Jahre zuvor ebenfalls in der Neuen Nationalgalerie gezeigte Ausstellung „MoMA in Berlin“ wurde getoppt. Die Tassen, T-Shirts und Regenschirme mit Monets Seerosen fanden reißenden Absatz. Die Verkunstung des Lebens ist der Trend des Jahres. Nicola Kuhn

THEATER

Man macht sich ja nicht nur Freunde, wenn man Peter Steins „Wallenstein“ trotz aller Einwände für einen Meilenstein hält. Besser: für einen Solitär. Denn hier droht keine Wiederholungsgefahr, kein Trend, schon gar nicht eine konservative (oder konservatorische) Trendwende. Es war eine große, einmalige, erschöpfende Theaterunternehmung – in einem nicht ganz so großartigen Theaterjahr. Für Regisseur Michael Thalheimer brachte 2007 am Deutschen Theater Berlin eine Riesenpleite („Die Fledermaus“) und einen Riesenerfolg: „Die Ratten“. Von diesem genial verengten und zugleich weite Horizonte aufreißenden Abend schwärmt die Stadt. Zwei Künstler haben daran entscheidenden Anteil: der Bühnenbildner Olaf Altmann und der Schauspieler Sven Lehmann. Die Schaubühne schließt sich mehr und mehr in ihre gated community einer selbstbezüglichen Gegenwartsanalyse ein. Der Ausbruchsversuch mit Kurt Krömer („Room Service“) scheiterte im tristen Klamauk. Schließlich die Volksbühne. Da werden alte Freunde zu neuen Feinden? Der Vorgang ist ein größerer, hat nichts mit Castorf-Bashing zu tun. Es findet in Berlin eine allgemeine Ablösung von alten Leitbildern statt. Die Volksbühne bestimmt nicht mehr den Ton. Auch ein Robert Wilson, der am Berliner Ensemble eine anrührende „Dreigroschenoper“ inszenierte, schafft nichts über den Tag Hinausweisendes. Die Theater sind gut besucht, die Identifikation nimmt ab. Eine paradoxe Situation: Das Theater weckt Sehnsüchte, die in der Oper derzeit besser erfüllt werden. Rüdiger Schaper

LITERATUR

Das Literaturjahr 2007 hatte, besonders im Vergleich mit dem debattenstarken Literaturjahr 2006, etwas Unentschlossenes, Richtungsloses. Bezeichnend dafür war der Literaturnobelpreis für Doris Lessing, der um gut dreißig Jahre zu spät kam und von vielen mit einem Achselzucken kommentiert wurde: die da bei der Akademie in Schweden mal wieder!

Es gab zwar Aufreger: zum Beispiel die Absage von Orhan Pamuks Deutschlandreise, weil Pamuk sich nach dem Mord an seinem armenischstämmigen Freund Hrant Dink nicht sicher fühlte. Oder Martin Mosebachs Büchnerpreisrede, in der Mosebach spielerisch unscharf eine Linie vom Freiheitsterroristen Saint-Just zum SS- Reichsführer Himmler zog und damit alte Linke wie neue Rechte bediente. Oder der Deutsche Buchpreis an Julia Francks „Mittagsfrau“, der mehr das Gewicht der Auszeichnung demonstrierte als die literarische Qualität des Romans. Aber die Kommentierung selbst dieser wenigen Aufreger hatte etwas Pflichtbewusstes. Die Weidermann-Handke-Zaimoglu-Grass- Debatten aus dem Vorjahr wirkten dagegen wie ein einziges langes Sommerdebattenmärchen.

2007 feierte man lieber: Walsers und Grass’ 80. Geburtstage, passend dazu den 60. Jahrestag der Gruppe 47. Walser und Grass stehen als Staatsdichter längst jenseits aller begründeten wie unbegründeten Kritik. Selbst Grass’ starrsinnige Ausfälle gegen die „gleichgeschalteten Medien“ und über die „Entartung des deutschen Journalismus“ taten seinem Ansehen kaum einen Abbruch. Umso tragischer, dass es ausgerechnet Walter Kempowski nicht mehr beschieden ist, noch ein paar Jahre gegen Grass und Walser sticheln zu können. Sein Abgang aber war perfekt: die Chronik eines angekündigten Todes, knapp am Tag der Deutschen Einheit vorbei. Als Kempowski am 5. Oktober seiner Krebserkrankung erlag, zierte am Tag darauf sein Konterfei die erste Seite ausnahmslos aller großen Zeitungen in Deutschland. Gerrit Bartels

POP

Ausgerechnet in dem Jahr, da sich der Popmarkt endgültig von der CD verabschiedet und neue Geldquellen zu erschließen beginnt, wollten die Alten es noch einmal wissen. Mit den Eagles, mit Genesis, The Police und Led Zeppelin kehrte eine ganze Reihe bedeutender Bands ins Rampenlicht zurück, die das CD-Zeitalter gar nicht miterlebt haben. Was den Schluss nahelegt, dass sie dessen Abenddämmerung wie die Eule der Minerva für einen letzten segensreichen Flug nutzen – wie überhaupt die Musikindustrie lange von der CD profitierte, die ja nur erneut unter die Leute brachte, was schon bekannt war. Heute ist Musik Datenmenge und ortloser Allgegenwartssound. Auf herkömmliche Weise lässt sich mit ihr kein Geld mehr verdienen.

2007 hat der Markt erstmals klug auf diesen Wandel reagiert. Statt darauf zu warten, dass der Musikfan zum Plattenkonsum zurückfindet, sucht der Konsum nun den Musikfan. Musiker wie Prince und Ray Davies (The Kinks) legen ihre neuesten Werke einer Zeitung bei. Die Eagles schließen einen Exklusivvertrag mit einer Warenhauskette, und Radiohead eröffnen ihr eigenes Internetportal, um ihr lang erwartetes „In Rainbows“-Album online zu vertreiben. Und Madonna lässt sich als All-inclusive-Produkt von einem Konzertveranstalter anheuern, der zwar noch nie eine Platte veröffentlicht, aber begriffen hat, dass ein Popstar mehr als nur Musik verkauft. Das Beste daran ist immer noch die Musik. Kai Müller

KLASSIK

In einer Symphonie wäre das Jahr 2007 wohl der zweite Satz. „Andante“, zu Deutsch: „es geht so“. Natürlich gab es auch etwas zu feiern, 125 Jahre Berliner Philharmoniker zum Beispiel, die Eröffnung des neuen Festspielhauses von Aixen-Provence (mit Rattle und den Philharmonikern), den Start von Ingo Metzmacher beim Deutschen Symphonieorchester, das fulminante Debüt der Berlinerin Annette Dasch bei den Salzburger Festspielen. Doch neben diesen VivacePassagen überwogen die Wendungen nach Moll: Renato Palumbos Scheitern als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, Kirill Petrenkos Abschied von der Komischen Oper, Rolando Villazons Ausfall während der „Manon“Aufführungsserie an der Berliner Staatsoper. Allegro ma non troppo schließlich das politische Hickhack um die Bayreuther Festspiele, die nach dem unerwarteten Tod von Gudrun Wagner nun vollends führungslos sind.

Die Zukunftsmusik spielt derzeit in China, wo musische Bildung als Statussymbol gilt. Während die Orchester Europas im Land der Mitte tourten, sprengte der chinesische Pianist Lang Lang den Rahmen des Klavierkonzerts und beglückte im Sommer Zehntausende in deutschen Open-Air-Arenen. Den heiteren Schlussakkord setzte Anna Netrebko: Ihr neuer Lover ist ein Bassbariton aus Uruguay und hört auf den klangvollen Namen Erwin Schrott. Frederik Hanssen

ARCHITEKTUR

Einen Weltrekord gab es zu vermelden: Das höchste Gebäude steht in Dubai – und wächst weiter, über die Ende Juli erreichte Marke von 512 Metern hinaus. 800 Meter soll der Turm im Wüstensand erreichen, je nachdem, was die Konkurrenz so treibt. Berlin kann da nicht mithalten. Architektonisch Großes oder Grandioses ist aus der Bundeshauptstadt in diesem Jahr nicht zu vermelden. Allenfalls den schwelenden Streit um die Frage „Rekonstruktion oder Neuschöpfung“, der am baulich fertiggestellten Neuen Museum Nahrung fand: Die einen finden die konservierten Kriegswunden gut, die anderen wünschen sich am liebsten die zerstörten Wandgemälde zurück.

Andernorts ist es die Automobilindustrie, die sich bauherrlich hervortut. Auto- „Welten“ sind angesagt, nach VW und Porsche haben Mercedes in Stuttgart und BMW in München ihre großen Auftritte. Da können die öffentlichen Museen einiges an Präsentationsmöglichkeiten lernen – bei entsprechender Finanzausstattung, versteht sich. Wie man mit genügend Kleingeld begeisternde Architektur hinstellen kann, wird im kommenden Jahr China vorführen: Die Olympischen Spiele in Peking werden in einem Stadion stattfinden, das seinen Platz in den Geschichtsbüchern bereits sicher hat. Und drumherum wird Vergleichbares eröffnen. Anders ausgedrückt: Die Globalisierung verschiebt auch in der Architektur die Zentren des Geschehens, nach Mittel- wie nach Fernost. Gerade dort sind deutsche Architekten und Stadtplaner stark engagiert, unter ihnen gmp oder Albert Speer & Partner. Auf den zunehmenden Export deutscher Architektur machte soeben die Biennale von São Paulo aufmerksam. Bernhard Schulz

FILM

2007: das Jahr der nationalen Töne. Da holt Florian Henckel von Donnersmarck im Februar für sein Stasidrama „Das Leben der Anderen“ den Auslands-Oscar. Und das Jahr der großen Trauer: Vier Monate später stirbt der Schauspieler Ulrich Mühe, ohne den „Das Leben der Anderen“ nicht denkbar wäre. Schmerz auch über andere Kinogrößen, die fast gleichzeitig starben: Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni, beide am 30. Juli. Man wünscht sich ihre visionäre Kraft herbei angesichts eines Kinojahrs, das eher die Mittellagen kultivierte: mit unterkühlten US-Produktionen wie „Der gute Hirte“, „Zodiac“, „American Gangster“ oder Clint Eastwoods furioser Geschichtslektion „Flags of Our Fathers“/ „Letters from Iwo Jima“ – und einer Flut von Sequels, vom „Fluch der Karibik 3“ (erfolgreichster Film weltweit) bis „Harry Potter 5“ (erfolgreichster Film in Deutschland). Einige europäische Lichtblicke wie Fatih Akins „Auf der anderen Seite“ oder Cristian Mungius „4 Monate, 3 Wochen und 4 Tage“. Dominanter jedoch die Misstöne: von Günter Rohrbachs Kritikerschelte anlässlich des Misserfolgs von Tom Tykwers „Das Parfum“ bis zu Frank Schirrmachers distanzloser Tom-Cruise- Hymne bei der Bambi-Verleihung in Düsseldorf. Der Film, über den in diesem Kinojahr am meisten gestritten wurde, startet erst 2008: das Stauffenberg-Projekt „Valkyrie“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle , für das auch Florian Henckel von Donnersmarck fleißig wirbt. Der Kreis schließt sich. Die nationalen Themen bleiben. Christina Tilmann

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