Kultur : Rückblick: Elektro: Blaue Augen

Ulf Lippitz

Zitate machen Meister. Zero 7 räubern sich durch die Musikgeschichte, bis ein Wohlfühl-Soundtrack in vier Minuten entsteht. In Großbritannien heimsen sie dafür Lorbeeren ein. Im Maria geht es geruhsamer zu - und auch beengter. Auf der schlafzimmergroßen Bühne drängen sich sechs Musiker, zwei Background-Sängerinnen und jeweils ein Gastsänger. Alle schauen unbeteiligt in die Menge, die Sängerinnen fürchterlich gelangweilt. Sänger Mozez hebt prophetisch seine Arme hoch und zu einem herzzerreißenden Gesang an. Zuckersüße Akkorde in Chill-Out-Moll wabern - und das Maria hält den Atem an. Musik zum Träumen für Menschen über 25. Kitsch, zu dem man Ja sagen darf. Romantisches Soul-Geplänkel und abgefahrene Psychedelic zugleich. Dann drehen Zero 7 die Schraube an. Sie hämmern mit der Hammond-Orgel, bis ein Klang herauskommt, der sich wie ein überdrehter Mixer anhört. Abseits der Bühne steht eine junge Dame und tanzt sichtlich beeindruckt. Offener Mund, halboffene Augen. Ein Lied später steht sie auf der Bühne. Es ist Sophie Barker - ihres Zeichens starke Sängerin und wohl auch Trinkerin. Sie erinnert in jeglicher Hinsicht an die junge Marianne Faithful. Wunderschön-rauchige Stimme. Ein Look zwischen Punk und Vorstadt-Schlampe. "Hey, ist der Bruder von dem Typ gestern Abend in Köln hier?", fragt sie in blendende Scheinwerfer. Murmelndes Gelächter. Sia Furler singt weiter: Das sehnsuchtsvolle "In The Waiting Line" - eine Hommage an Air und Barry White, ein Sternenhimmel voller blauer Sounds, ein Hit für die Nachmittags-Ruhe. Zero 7 beglücken, begeistern, beeindrucken. Punkt.

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