Kultur : Rückblick: Elektro

Eric Mandel

Die Umsetzung progressiver, elektronischer Clubmusik ins Bandformat ist in Berlin seit den Elektronauten beliebt - im Underground, wohlgemerkt. Aber ganz ohne Widersprüche ist das nicht: Hier die DJ-Musik mit ihrem Verzicht auf Songstruktur, Show-Effekte und schwitzende Schlagzeuger, da das "Band"-Prinzip, das all das braucht. Unter dem vielsagenden Motto "ArtElektro" versuchten im Kesselhaus der Kulturbrauerei zwei Berliner Formationen, genau diese Widersprüche auszutragen. So entdecken wir bei Sensor X auf der Bühne zwar alte Bekannte - Bassverstärker, Schlagzeug, Gitarren -, aber auch futuristische Wunderwaffen: ein digitales Saxophon, blinkende Hardware und eine geheimnisvoll aussehende Zauberkugel, die sich später als eine Art High-Tech-Version des guten alten Theremins entpuppt. Nicht lange, und das Quartett hat sich eingegroovt, der Sound wird klarer, und ein Vokalist verstärkt den ambitionierten Stilmix aus Clubgrooves, Psychedelic Rock und orientalischer Note. Während das Publikum auf den im hinteren Teil aufgestellten Bierbänken an den Rand der Depression gelangt, kämpft der Bassist unter größtem körperlichem Einsatz um eine Zugabe. Auch die zweite Band, die in diesen Gewässern schon etwas länger reisenden Gelee Royale, fühlt sich offenbar etwas unbehaglich. Ihr Konzert imitiert ein hypnotisches DJ-Set und verzichtet zwischen den Stücken auf jegliche Pause. Die Tanzenden bleiben motiviert, aber selten. Die Zuhörer vermissen vertraute Klänge oder am Ende der Spannungsbögen die wohlverdienten Entladungen. Keine Frage, diese Musik, geboren aus Spezialistenwissen, Abenteuerlust, unzweifelhaftem Können und einem gehörigen Schuss Melancholie wird ihr Publikum hoffentlich noch finden. Wenn sie geduldig bleibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben