Kultur : Rückblick: Elektro

Kai Müller

Vor der Maria am Ostbahnhof hatte sich eine lange Schlange gebildet, als plötzlich eine noch viel längere vorbeikam: eine Skater-Demo rauschte zum Alexanderplatz. Tauchte kurz auf, verschwand dann wieder in der Dunkelheit. Drinnen krachten wenig später Mouse On Mars gegen eine Wall of Big Beat. Schwergängig und ruppig klang der Auftakt des viel gelobten rheinischen Frickler-Duos, das für seine feinädrigen, elektronischen Dioden-Gebilde seit Mitte der neunziger Jahre bekannt ist. Am Schlagzeug wurde es von Dodo Nkishi begleitet. Der kann auch wunderbar singen. Aber vorerst hörte man davon wenig. Mouse On Mars folgten den Spuren ihres jüngst erschienen fünften Albums "Idiologie" (Zomba), einem eher grobschlächtigen, brachialen und ein wenig überambitionierten Werk, das nur gelegentlich die musikalische Brillanz der Soundtüftler Toma/Werner zu erkennen gibt - wenn sich aus den Plucker-, Bliep- und Teck-Geräuschen allmählich eine musikalische Architektur herausschält. Das Konzert trug Züge einer langsamen Wiederannäherung. Nach einem Drittel wurden die Stücke differenzierter, melodisch ausgereifter, Disco Beats setzten sich durch und aufgespreizte, elegische Klangbögen legten sich darüber. Die anfänglich euphorische Zustimmung des schweißnassen Publikums klang ab, doch die Begeisterung ließ trotzdem nicht nach. Das macht den beiden Dozenten für experimentelle Musik auch keiner nach, diese Schwindel erregende Gratwanderung zwischen Techno-Parodie und barockem Minimalismus. Ständig darf man Sound-Partikel entdecken, deren Herkunft einem vollkommen schleierhaft bleibt. Am Ende präsentierten sie mit "Presence" das Juwel des letzten Albums, eine Ballade, die zugleich auch ihr ästhetisches Credo enthält: "To bring all that, that is aware into focus at one spot." Nkishi singt die Zeilen mit einer hellen, von einem Vocoder eingefärbten Mädchenstimme. So schön können universale Versprechen sein.

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