Kultur : Rückblick: Gast als Opfer: Scheinbar-Varieté (Open Stage)

Anna Kemper

Vielleicht die mit dem Hündchen auf dem Schoß? Der Typ mit den wuscheligen Haaren an der Bar? Oder doch der Unscheinbare im Anzug? Genau weiß man nie, wer im Scheinbar-Variete als nächstes auf der kleinen Bühne steht, und das ist auch der Reiz der Open Stage (jeden Mi-Sa, 21 Uhr): Eigentlich kann jeder auftreten, und manchmal sogar ganz unfreiwillig. Wie die zwei in der dritten Reihe, Elmar und Monika. Nein, ein Paar seien sie nicht, sie hätten sich bei der katholischen Jugendarbeit kennengelernt. Flugs machen die Moderatoren Yana Kühtze und Andreas Gebhardt daraus aus dem Stegreif einen schnulziges Liebeslied, unheimlich komisch, und wer weiß, vielleicht sogar ein Katalysator für zwei Schüchterne. Stand-Up-Comedian Michael Genähr erzählt von traumatischen Erlebnissen bei einem Klassentreffen in seiner Heimat Westfalen, von rasenden Männern in roter Unterwäsche, die sich für Feuerwehrautos halten und natürlich von der ihm permanent verweigerten Aufmerksamkeit des weiblichen Geschlechts. Sehr witzig. Sein Soloprogramm spielt er hier montags. Vielleicht ja bald anderswo, immerhin traten auch Meret Becker und Michael Mittermaier in unbekannteren Tagen im Scheinbar-Variete auf. Wie ein verklemmter Schuljunge wirkt dagegen Sebastian Krämer. Das ist Absicht, stocksteif steht er in seinem beigebraunen Anzug da und singt das Lied von der Biene Maja, an Groteske kaum zu überbieten. Seine eigenen Lieder sind respektlose Satiren, Opfer seiner sarkastischen Verse werden das Eheleben und, hochaktuell, die Landwirtschaft. Und wenn zu guter Letzt noch eine Zeitungsseite auf der Nasenspitze balanciert wird, ist der Kritiker zufrieden: Finden seine Zeilen doch so auch über den Tag hinaus Verwendung.

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