Kultur : Rückblick: Gezapft

H. P. Daniels

Gerade mal drei Dutzend Leute sind zum Konzert der Silos in den Knaack Club gekommen. Das ist zwar angenehm für die Zuschauer, deprimierend allerdings für die Band. Irritiert sehen sich drei Männer im leeren Saal um, stimmen Instrumente, bringen Getränke in Position. Roadies? Ach nein, das sind ja schon die Silos. Sehr leger in Jeans und Hemden, wie gerade von der Straße auf die Bühne. Das nennt man street credibility. Der hispano-amerikanische Songwriter Walter Salas-Humara ist eine dünne Bohnenstange mit schwarzem Pferdeschwanz und einer zerschrappten Akustikgitarre. Grinst scheu. Spielt ein paar verhaltene Akkorde. Singt. Kompetenter Bass dazu von Drew Glockin: bemützt, bebrillt, bezickenbartet. Es klingt wie ein Lou-Reed-Song. Sehr ruhig und schön. Doch dann krachen sie los, und es wird laut und heftig. Auch schön. Konrad Meissner ist ein hervorragender Schlagzeuger. Einfach, einfallsreich, effektiv. Kann ordentlich reinsemmeln, sich aber auch zurückhalten: mit diversen Raschel- und Rasselgeräten. Und kommt in einem Song von Hölzchen auf Stöckchen auf Besen. Erstaunlich, wie Salas-Humara seine Gitarre wie ein akustisches Folk-Instrument klingen lässt, um im nächsten Augenblick brüllend laut loszulegen, mit verzerrt elektrischen Soli, als stünde Neil Young höchstpersönlich an der Säge. Dann wieder kraftvolle Rhythmusgitarre. Powerchords. Der Gesang wunderbar heiser kratzig. Zwischen ruhigen Balladen und heftigen Rockern. Folk und Punk. Und leichte Countryanklänge, wenn Glockin vom Bass zur Lap Steel wechselt. Der Reiz liegt in wohldosierter Dynamik zwischen rhythmischem Lärm und eingängigen Melodien. Lautstärke und Stille. Und live ist das alles noch besser als auf Platte. Roher und unmittelbarer. Die Silos hätten mehr Publikum verdient.

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