Kultur : Rückblick: Gezupft

Roman Rhode

Klar, es gibt diesen abfälligen Witz unter Jazzern: Ein Banjo-Spieler lässt sein Instrument im Wagen liegen, und was passiert, als es aufgebrochen wird? Die Autoknacker legen ein zweites Banjo dazu. Doch Béla Fleck hat das Spiel auf dem ungeliebten Zupfinstrument wie kein anderer revolutioniert. Angefangen zu spielen hat er, nachdem er als 14-Jähriger in dem Film "Deliverance" den Song "Duelling Banjos" gehört hatte. Mit seiner 1989 gegründeten Band The Flecktones schuf er einen eigenen Stil, den er "Blu-Bop" nannte: eine Mischung aus Jazz und Bluegrass, in der sich die Bergwelt der Appalachen plötzlich in den quirligen Straßenschluchten von New York wiederfindet. Und im brechend vollen Quasimodo, wo die Flecktones zum ersten Mal in Berlin auftreten, erweisen sich die vier Musiker als wahre Global Player, die es immer weiter nach Osten treibt: von Folk Jazz und Funk über keltische und orientalische Klänge bis hin zu indischen Ragas. Dabei zeigt die Band, dass ihre jüngst mit einem Grammy ausgezeichnete Musik vor allem in den Fingerspitzen wurzelt: Nicht nur faszinieren die Schwindel erregenden Saitenläufe auf Banjo und Bass, das virtuose Klappenspiel auf Saxofonen und Querflöte, sondern auch die elektronische Percussion, die Roy Wooten, alias Future Man, auf seiner Synth-Axe-Drumitar beisteuert - einem selbst gebastelten Gerät aus Drumkit und Gitarre, das Wooten mittels Touch Pads bedient. Fleck feiert eine Orgie der Rhythmen, wunderbar vertrackter Metren und der Gleichzeitigkeit. Jeff Coffin bläst seine Shouts in zwei Saxofone, Fleck verfremdet das Banjo zu einer asiatischen Zither, Victor Wooten bearbeitet den Steg seines E-Basses mit beiden Händen und zaubert damit die Illusion zweier Bässe hervor. Bei soviel Fingerfertigkeit und Spaß an der Musik wirkt jeder Overdub wie von gestern.

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