Kultur : Rückblick: Harmonie singen (Klassik)

Felix Losert

Wenn Heinrich Schiff zum Cello greift, ist er in seinem Element. Trotz aller Cello-Virtuosität ist allerdings bei Beethoven der Pianist begünstigt: Der junge Österreicher Till Fellner darf sich in den zwei Sonaten, die das Programm am Mittwoch im Kammermusiksaal rahmen, voll entfalten - mit aller Brillanz, mit glasklarem, immer runden Ton und mit rhythmischer Prägnanz. Dazu versucht Schiff, in Kantilenen mit etwas Heiserkeit die Glätte zu durchbrechen. Am besten scheinen ihm Grenzbereiche zu liegen wie das Ende des Adagios in der Sonate op. 102,2. Hier geht er mit wenig Vibrato und Bogendruck an die Grenze des Hörbaren und überträgt seine Versunkenheit auf das Publikum. Die Visionen der beiden Virtuosen kommen eher in der wunderbaren Sonate op. 40 von Schostakowitsch zur Deckung: ob neuromantischer Gesang im ersten Satz, fulminant aber kontrolliert vorgetanzte Volkslied-Farce im zweiten oder Klassiker-Parodie im schmissigen Finale. Fellner und Schiff agieren hier gemeinsam. Und den nächtlichen Monolog im Largo stattet Schiff mit allen Finessen farblicher Schattierung aus. Thomas Larchers formlose Arbeit mit dem ernst gemeinten Titel "Mumien" macht die klangliche Ungleichheit der Instrumente zum Programm: Fellner muss auf dem präparierten Klavier rücksichtslos Tonrepetitionen herstellen, während Schiff mit lang gezogenen Tönen oder ruppigen Kaskaden erfolglos versucht dagegenzuhalten. In einem von Schumanns Fantasiestücken op. 73 führen die beiden dann noch einmal vor, dass ein Gleichgewicht zwischen Cello und Klavier möglich ist - wenn nämlich die Rollen eindeutig verteilt sind: Das Cello singt und das Klavier begleitet.

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