Kultur : Rückblick: Hasch mich: Das Junge Ensemble Berlin im Kammermusiksaal

Carsten Niemann

Beethoven, der große Komponist, war auch ein großes Kind. Ein Kind, das gerne mal Krieg spielte. Inspiriert von der französischen Revolutionsmusik marschieren in seinen Werken wiederholt lustige Armeen in bunten napoleonischen Uniformen vorbei. Darüber nachzudenken, welcher Beethoven-Begeisterte im Laufe der Geschichte welches Schwert im Namen welchen Ideals durch wessen Gurgel stach, bereitet dagegen keine Freude. Cordula Däuper und Anne Fleckstein haben es trotzdem getan. Sie zeichneten verantwortlich für die halbszenische Realisierung von Beethovens Schauspielmusik zu Goethes Freiheitsdrama Egmont, die das Sinfonieorchester des Jungen Ensembles Berlin im Kammermusiksaal der Philharmonie aufführte. Der Rezensent lässt sich mit der Egmont-Ouvertüre gerne stellvertretend Liebeskummer aus der Seele schreien - oder tritt mit ihr zum privaten Kampf gegen schmutziges Geschirr an. Die angehenden Regisseurinnen verdarben ihm den Spaß mit einer Zeigefinger-Interpretation, nervten mit einem Egmont, der im Tarnanzug mit seinem Klärchen Hasch-mich spielt. Und sie ließen ihn über ein Mädchen schmunzeln, dem es nach heroisch-tragischem Gifttod plötzlich einfällt, ein pazifistisches Gedicht vorzutragen. Zu wenig für einen ästhetisch und nicht nur moralisch überzeugenden Kontrapunkt zu Beethovens musikalischer Inszenierung. Das Amateurorchester, das von Michael Riedel sehr sicher geleitet wurde, sprach dagegen deutlich von der "ungemessenen Lebenslust", die Goethe an seinem Helden faszinierte. Susanne Kirchesch sang dazu Klärchens politisch höchst unkorrekte Auslassungen hinreißend klar und textverständlich. Danach nahm man es gerne als programmatisch hin, wenn zum Schluss Antonin Dvoráks "heroische" achte Sinfonie mit etwas mehr Umsicht als Feuer erklang.

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