Kultur : Rückblick: Himmlische Chöre

Oliver Heilwagen

So ähnlich dürften die himmlischen Heerscharen klingen: Glockenhelle, glasklare Stimmen, die reglos im Raum zu schweben scheinen und sich in unerhörte Höhen aufschwingen. Was die zwei Dutzend Mitglieder des Frauenchores The Bulgarian Voices Angelite ihren Stimmbändern entlocken, wirkt nicht von dieser Welt: "Angelite" bedeutet "Engel" auf Bulgarisch. Denn die traditionelle Gesangstechnik des Ensembles, das bis vor wenigen Jahren unter dem Namen "Le mystère des voix bulgares" auftrat, ist einzigartig. Alle Töne werden allein mit Kehlkopf und Brustkorb tief hinten im Hals gebildet. Das verleiht ihnen ein schneidend metallisches Timbre, wie es ein klassisch ausgebildeter Sänger niemals imitieren könnte. Doch ihr Liedgut beschränkt sich keineswegs auf Folklore. Seit der Gründung der Gruppe in den fünfziger Jahren haben zahlreiche Chorleiter Volksweisen vom Balkan in zeitgenössische Kompositionen integriert, die den Bulgarinnen auf den Leib geschrieben sind. Bei ihrem ersten Konzert in Berlin seit sieben Jahren im Großen Sendesaal des SFB bieten sie Kostproben ihres riesigen Repertoires. Genregrenzen existieren für sie nicht. Souverän wechseln sie zwischen Epochen und Stilen, beginnen mit einem einstimmigen Kirchenlied aus dem 13. Jahrhundert und enden mit polyphonen Stücken, die sich am Rand der Tonalität bewegen. Derweil passiert auf der Bühne gar nichts. Unbeweglich wie Schneiderpuppen stehen die in prächtige Trachten samt Kopfputz gehüllten Sängerinnen im Halbkreis nebeneinander; ein huldvolles Lächeln an eine Nachbarin ist fast schon zuviel der Aktion. Getragene Klangflächen fächern sich zu mehreren Melodielinien auf, die sich alsbald wie magische Kraftfelder miteinander verschlingen. Mal verweilen die Stimmen schier endlos auf einem einzigen Ton, mal perlen sie in rasend schnellen, orientalisch anmutenden Vierteltonschritten über die Silben. Am Schluss riss es das Publikum von den Sitzen.

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