Kultur : Rückblick: Jazz: Energieplateau

Johannes Völz

Wenn Jazzclubs so genannte "Allstar"-Gruppen ankündigen, bedeutet das paradoxerweise meist, dass keiner der Musiker ein echter Star ist. Also probt das A-Trane den Umkehrschluss: Kein Wort von "Allstar" und auf einmal drängt die Jazzprominenz auf die Bühne. Zum ersten Mal trifft der Gitarrist Ngyuên Lê auf die Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington und die Pianistin Geri Allen. Saxofonist Gary Thomas, als vierte Berühmtheit eingeplant, musste nach einer Zahnoperation absagen. Das hat auch sein Gutes. So eng greifen die Improvisationen ineinander, dass kaum Platz wäre für einen weiteren Solisten. (Noch einmal heute Abend, 22 Uhr mit Gitarrist Martin Koller, der Nguyên Lê ersetzt.) Über das gemeinsame Motto wird nicht lange diskutiert. Ein ausgedehnter Trommelwirbel der Leaderin Carrington und alle wissen: Diese Band ist ein Kraftwerk. Dass es dabei zu keinen Störfällen kommt, ist nicht zuletzt dem Bassisten Per Mathisen zu verdanken. Er weiß, wann er sich zurücknehmen muss: In "The Corner" wiederholt er beständig das Bassmotiv in 5/4. Gegen diese Basis setzen Lê, Carrington und Allen nacheinander ihre Rhythmen. Am überzeugendsten dabei die Pianistin: Ihr Repertoire aus triolischen Blockakkorden, beidhändigen Läufen und flimmernden Arpeggios übertrifft Lês Hendrix-inspirierte Ekstase und überstrahlt selbst Carringtons Energieplateau. Trotz ausgezeichneter Soli ergeben die vier allerdings noch keine harmonische Band. Deutlich wird das am Zusammenspiel zwischen Lê und Allen. Zwar hat die Pianistin extra eine Fender Rhodes-Orgel aufgebaut, deren Timbre mit dem der Gitarre verschmilzt. Doch aus Angst, sich in die Quere zu kommen, reduzieren beide ihr Interplay aufs Minimum. Genau das ist aber die Gefahr bei, ja: "Allstar"-Gruppen.

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