Kultur : Rückblick: Jazz: Rasen

Johannes Völz

Sie ist eine wahre Lady. Auf ihren Covern zeigt sich die Pianistin Geri Allen glamourös in hochgeschlossenen Kleidern und Samthandschuhen. Bei ihrem Konzert im Quasimodo sagt sie ihre Stücke nicht an, sie haucht die Titel nur. Doch wer erwartet, ihre Musik klinge deshalb weich und geschmeidig, irrt. Diese Dame donnert. Sie rast über die Tasten, schleudert mit ihrer Rechten muskulöse Läufe in den Raum und schüttet beidhändige Akkordschwemmen aus. Es interessiert sie die zeitliche Dimension der Musik - das Erbe ihrer Phase beim M-Base-Kollektiv. Einen Rhythmus auf den anderen stapelt Geri Allen, bis sich ihre Richtungen umkehren und die Uhren rückwärts gehen. Drummer Mark Johnson wirbelt auf dem Schlagzeug mit ein paar Dutzend Armen, mindestens. Einzig Bassist Billy Johnson gibt sich widerstandslos mit der Begleiterrolle zufrieden. Allen zitiert in ihren Stücken Bebopper Bud Powell ohne jegliche Ironie und erinnert zugleich an ihre Zusammenarbeit mit dem Freejazzer Ornette Coleman. Kompromissloser Jazz ist das, der sich hinwegsetzt über die ideologischen Grabenkämpfe zwischen Anbetern der Tradition und verbohrten Avantgardisten.

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