Kultur : Rückblick: Jazz: Ruhig werden

Johannes Völz

Es sind harte Zeiten angebrochen für das Fräuleinorgelwunder Barbara Dennerlein. Ihr Vertrag mit dem Major-Label Verve ist ausgelaufen, jetzt bleibt nur der Selbstverlag. Doch die alten Verve-Plakate, die ihre Platte von 1995 anpreisen, die lässt sie noch immer aufhängen. Und sie verkauft sie nach dem Konzert an ihre Fans. Die scheinen ganz glücklich darüber, dass sich bei Dennerleins Auftritt im Rathaushof Köpenick musikalisch fast nichts verändert hat. Noch immer lässt sie ihre Hammond B-3 am liebsten den Blues schnurren. Dennerleins Musik klingt dabei wie eine Melange der großen Hammond-Stilisten der fünfziger und sechziger Jahre. Packt sie ihre Achtel synkopisch in Sechsergruppen, hört man den alten Charles Earland. Ein flinkes Blueslick hinterher, Jimmy Smith ist auch da. Doch komisch: Obwohl sie das gesamte Orgelvokabular im Schlaf aufsagen kann, obwohl ihr Timing präzise sitzt, wirklich mitreißend ist das alles nicht. Daran ändert sich auch nichts, wenn sie in einigen Stücken den Bebop gegen New Age austauscht. In "Love Letters", dem Titelstück ihrer neuen CD, schichtet sie liegende Klänge übereinander. Zum Meditieren. Der argentinische Perkussionist Daniel Messina, der für jede Postkartenstimmung ein eigenes Instrument mitgebracht hat, imitiert unverhohlen ein Meeresrauschen. Doch von Naturgewalt keine Spur, das Stück plätschert vor sich hin. Weil dann doch mal eine ungerade Taktzahl vorkommt, spielt Dennerlein gleich anschließend einen Blues. Denn: "Ich will Sie ja nicht überfordern". Noch entspannender: "Pendel der Zeit". Ganz psychedelisch wird einem dabei ums Herz. "Ich hoffe", verabschiedet sich Dennerlein danach von ihrem seligen Publikum, "dass die Zeit für Sie ein bisschen stehen geblieben ist". Ja, so kann man es auch ausdrücken.

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