Kultur : Rückblick: Jazz: Teppichbeißer

Johannes Völz

Spät dran, Anfang verpasst, schnell rein. Die Tür ist noch nicht ganz offen, da sieht man schon Lonnie Plaxico vorne auf der Bühne, wie er weit ausholt, eine Saite seines Basses dehnt, bis sie in seine Finger schneidet. Wie er loslässt: Ein Ton schießt heraus, ganz tief, rollt wie ein roter Teppich durch das A-Trane bis zur Tür. Schnell einen Fuß drauf setzen, den zweiten hinterher ziehen und nie mehr absteigen. Der Teppich beginnt zu tanzen, hoch und runter, mit jedem neuen Ton vom Bass. Platz nehmen, mit dem Kopf nicken, auf Plaxicos rotem Teppich fliegen - eine Definition von Groove. Aber Vorsicht: Wer zu gemütlich wippt, bekommt ein Stakkato an den Kopf geschleudert. Von Jeremy Pelt, dem beleibten Trompeter, und Marcus Strickland, dem schmächtigen Saxofonisten mit den Dreadlocks. Sie zucken mit der Zunge, synchron, rasend, präzise. "Mélange" heißt Plaxicos neues Blue Note-Album. Beim Konzert hat man den Titel folgendermaßen zu verstehen: Chromatische Pfeilspitzen des Neobop durchlöchern den Funk-Teppich. Kantige Melodien stottern sich in die Höhe, klappern gegen den Beat und stacheln Plaxico an, den E-Bass, der aussieht wie ein abgemagerter Kontrabass, noch durchdringender dröhnen zu lassen. Musik wie eine Taxifahrt durch die Southside Chicagos, der Heimat des 41-Jährigen. Call-and-Response im Hupkonzert, und am Straßenrand steht ein verrückter Prediger, der den Autos Witze erzählt. Das könnte George Colligan sein, Plaxicos Pianist, der am liebsten alle 88 Tasten auf einmal spielen würde, der in diesen Wust laufend Zitate packt, von Jerome Kern bis Antonio Carlos Jobim, und wer es erkennt, darf laut lachen, so wie die fünf auf der Bühne. Alles hoch kompliziert, alles wunderbar leicht: Eine Mélange, wie sie guten Jazz seit jeher ausmacht.

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