Kultur : Rückblick: Junger Gott

Jörg Königsdorf

Die Genies sind unter uns. Vielleicht wohnen sie nebenan und fallen uns durch stundenlanges Tonleiternüben schon lange auf die Nerven. Wir kämen aber nie auf die Idee, dass ausgerechnet einer von ihnen der neue Rostropowitsch sein könnte. Spielt Ihr Nachbar Cello und heißt zufällig Boris Adrianov, ist es allerdings sicher, dass Sie ihn bald nur noch von fern, auf CD-Covern oder Konzertpodien sehen werden. Der junge russische Student der Hanns-Eisler-Musikhochschule spielt wie ein Gott: Mit herzergreifend schönem, weich vibrierenden Belcanto-Ton und altmeisterlicher Noblesse macht er aus einem scheinbar harmlosen Boccherini-Konzert ein kleines Wunder an Anmut und diskreter Melancholie. In dieser galanten, zartgliedrigen Ancien-Régime-Musik, in der das Gefühl stets die Contenance bewahrt, schöpft Adrianov alle Feinheiten des virtuosen Diskurses aus, ohne je die Anstandsgrenzen zu verletzen. Eine Kunst der Andeutung, die selbst in den virtuosen Passagen immer auch nach innen weist und damit nicht nur Adrianovs Spiel, sondern auch Boccherinis Musik groß macht. Wohlweislich lässt ihn sein Lehrer David Geringas am Schluss der Meisterschüler-Präsentation im Kammermusiksaal auftreten. Als sollte das monomanische (und von Geringas mit dem HfM-Orchester umsichtig begleitete) Programm mit vier Boccherini-Cellokonzerten vor allem die verschiedenen Stadien der Meisterschülerschaft dokumentieren: Vom noch unspezifisch vitalen Timothy Park, über die feinnervige, aber etwas nervöse Tatiana Vassilieva zur klarsichtigen Monika Leskovar, deren souveräne solistische Bewegungsfreiheit an sich schon Grund genug zum Staunen wäre. Wenn einer der vier bei Ihnen im Haus wohnt, sehen Sie ihnen bitte das Üben nach. Und gehen Sie in deren nächstes Konzert.

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