Kultur : Rückblick: Kabarett: Saitenstrich

Jörg Königsdorf

Es ist die Tragik politischer Kabarettisten, dass das Publikum wegen der falschen Dinge kommt. Sich amüsieren will und bloß den Alltagsärger über trottelige Politiker, schlechte Fußballergebnisse und hohe Spritpreise weglachen möchte. Matthias Deutschmann könnte solches Autopiloten-Kabarett nach über 20 Berufsjahren vermutlich aus dem Ärmel schütteln und bräuchte dazu nur die Schleusen seines Wortzwitzreservoirs einen Spalt breit zu öffnen. Doch das will er nicht, jetzt erst recht nicht: Deutschmann ist ein Weltverbesserer, der mit der Fackel der Vernunft ein wenig Licht bringen will, für den Witze nur der Lockstoff sind, seine Wahrheiten unters Volk zu bringen. Kurzfristig hat er sein neues Programm "Streng vertraulich" in der Bar jeder Vernunft (bis 24. Oktober) umgearbeitet und einen mutig-bissigen Anti-Amerika-Block eingefügt. Der passt sich beinahe nahtlos ein, da es ohnehin um die Machenschaften der Geheimdienste, um die Technik-Maniacs vom CIA, die Vollprofis vom Mossad und pflichtschuldig belächelt, auch unsere eigenen BND-Trottel gehen sollte. Gesehen aus der Perspektive eines Idealisten, der sich tagtäglich bei der Lektüre der "Bild" aufs Neue davon überzeugt, wie wir manipuliert werden, und der sich zur Vorbereitung durch sämtliche marktgängigen Verschwörungstheorien gelesen hat. Dass Deutschmann dabei das Grausen überkam, macht ihn sympathisch, dass beim hastigen Schnelldurchlauf durch 40 Jahre Welt- und Republikgeschichte von Kennedy über die Stasi bis zu Otto Schily die Pointen zusehends auf der Strecke bleiben, lässt den Abend nach der Pause ins Dozierende kippen. Es reißt ihn mit. Wenn das Herz gar zu sehr überquellen will, verschanzt er sich hinter seinem Cello, beschwört mit tiefem Saitenstrich die abendländische Kultur. "Ich bin da genauso ratlos wie Sie" gesteht er.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben