Kultur : Rückblick: Kappenschmelz: Sven Seeger im Dock 11 (Tanz)

Doris Meierhenrich

Das ist doch gar nicht gut so, denkt sich Sven Seeger. Im Sekundentakt tropft das Ewige Eis ins Polarmeer ab und George W. Bush will sich einfach nicht interessieren. Nicht für den Nordpol, nicht für die Antarktis, nicht für Kyoto. Und wir, die Spaßgesellschaft, interessieren uns auch nicht, nicht für die heranschwappende Sintflut und noch weniger für George W. Bush. Ganz anders Sven Seeger: "Schmelze" heißt sein Tanztheater-zur-Rettung-des-Kyoto-Protokolls, das nun im Dock 11 vor Anker liegt (Vorstellung: heute, 20 Uhr 30). Mit einem Schiff es zu vergleichen wäre allerdings übertrieben, wohl aber könnte man es ein Floßkonzept nennen aus Plastikwanne, Plastikhai, Regenschirm und Rollschuhen, Textzetteln und Taucherbrillen. Es ist das Jahr 2020, die Pole sind geschmolzen und sechs tote Clubniks tanzen durch das Jenseits der gefluteten Welt. Sie können nicht anders, auch tot sind sie noch Danceroboter. Zwar fallen sie jetzt ziemlich oft hin, sonst aber ist alles wie im richtigen Leben. Sven Seeger hat den Finger am Regler, dreht den Discomix rauf und runter und verteilt im Stechschritt Mikrofon und Textzettel. Die muss einer nach dem anderen vorlesen: Wasserstand, die Klimapolitik seit 1990, die Opfer, wie hätte man das verhindern können, Nickelsulfat, Bleioxyd. Derweil dürfen die Tänzer ohne Zettel weiter blöd tun, sich in Frischhaltefolie einwickeln und gegen die Wand knallen. Ändern kann daran der sonnenbebrillte DJ so wenig wie der dauerschmunzelnde Choreograf, dessen Bewegungstheater in der Zettelflut quälend nach Luft schnappt. Und so passiert es, dass man sich, wenn das hitzige Redetanzdurcheinander endlich im Zeitlupentempo der Unterwasserwelt verstummt, eigentlich nichts anderes wünscht, als die Überschwemmung.

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