Kultur : Rückblick: Klassik: Aus dem Jenseits

Jörg Königsdorf

Plötzlich schweigt das Orchester. "Auferstehen, ja auferstehen!", raunt die Prophezeiung von der Chor-Empore des Konzerthauses, und der Ernst-Senff-Chor trifft in diesem entscheidenden musikdramatischen Gänsehaut-Augenblick genau den Ton makel- und schwereloser Klangfülle, der einen sofort glauben lässt, dass es drüben im Jenseits viel schöner zugeht. Was vorausgeht, ist allerdings eher ein Blick in das Diesseits des Berliner Sinfonieorchesters im Jahr eins der Ära Eliahu Inbal als eine Schilderung Mahlerscher Seelenwelten: Inbal gilt seit einer Gesamtaufnahme der Sinfonien mit dem Frankfurter Rundfunkorchester als Mahler-Spezialist - dennoch steht sein Mahler seltsam indifferent zwischen dem unbeirrbaren Positivismus Naganos und der psychoanalytischen Tiefenforschung Abbados. Allzu verhalten kommt der Schock der einleitenden Totenfeier daher, um einen wirklichen Anstoß zur sinfonischen Seelenweltenreise geben zu können, nur milde glimmt das Licht der Verheißung im Seitenthema. Alles klingt schön, ist erfreulich sorgfältig und sensibel gespielt, und steht doch nebeneinander. Wie gespenstisch kann die Pizzicato-Wiederkehr des Andante-Themas im zweiten Satz wirken, an der sich das Idyll ins Nichts aufzulösen scheint. Nichts davon bei Inbal: Fehlt dem Einbruch im Mittelteil die nötige Drastik, geraten die Pizzicati zu aufdringlich präsent, um noch das Entgleiten der Illusion hörbar machen zu können. Wenn die prachtvolle Doris Soffel die Flamme ihres Mezzosoprans im "Urlicht" emporschießen lässt, wirkt das, als habe sich eine Operndiva in ein Büro verirrt. Und eine Ahnung weht durch den Saal, dass auch das Diesseits seine Freuden haben kann.

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