Kultur : Rückblick: Klassik: Das flötende Leben

Carsten Niemann

Wenn selbst den Kindern im Publikum ein Stück mit Neuer Musik am besten gefällt, dann muss das Konzert gelungen sein. Was gibt es aber auch nicht alles zu hören, wenn Dorothee Oberlinger "Black Intention" von Maki Ishii auf ihren Blockflöten interpretiert! Erst kostet sie mit schamanenhafter Versenkung aus, was das Instrument an Vierteltönen hergibt. Dann: ein Schrei, ein dumpfer Schlag auf die metallene Fläche eines Tamtam und schon spielt sie im Duett mit ihrer eigenen, durch die Bassflöte geisterhaft verzerrten Singstimme. Kurz: Die vorletzte der sommerlichen Matineen im Musikinstrumenten-Museum war ebensogut Leistungsshow wie Leistungsschau. Was nicht heißt, dass Dorothee Oberlinger nur auf virtuosen Zirkus setzte: Sehr singend, fast zu romantisierend-gebunden, ging sie Suiten von Matthew Locke und Johann Sebastian Bach an, in ihrer katzenhaften Geschmeidigkeit nur hier und da mit pointierten Akzenten die Krallen zeigend. Bei einer so explosiven Musikerpersönlichkeit brauchte es einen so aufmerksamen Begleiter am Cembalo wie Alexander Puliaev. Die leichte Nervosität, die sich in seinen solistischen Toccaten von Bach und Purcell gezeigt hatte, war wie weggeblasen, als es darum ging, mit den wahnwitzigen Figurationen von Ole Bucks "Gymel" der Sopranino-Flöte punktgenau ins Wort zu fallen. Oder selbst eine Bachsche Fuge mit kleinen rhythmischen Anläufen und Verzögerungen am Swingen zu halten.

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