Kultur : Rückblick: Klassik: Harsch und hässlich

Carsten Niemann

Er hätte auch Abfahrtsläufer werden können, dieser junge Schweizer Blockflötist, mit seinem unablässigen kraftvollen Knie- und Hüftschwüngen, mit denen er über eine Buckelpiste zu schmettern scheint. Rasant ist Maurice Stegers Spiel allemal: Rechts und links stieben da in den Allegros die Triller auf wie feiner Pulverschnee vor den mit blitzschneller Präzision gesetzten Stöcken eines Skichampions. Eine technisch beeindruckende Leistung konnten also die Zuhörer auf den Tribünen des Kammermusiksaals verfolgen, zumal beim Spiel transalpiner barocker Solosonaten die besondere Schwierigkeit darin besteht, dass alle Teilnehmer gleichzeitig ins Ziel einlaufen müssen. So blieb letztlich unentschieden, wie Gold, Silber und Bronze unter Steger und seinen auch in rasendsten Läufen mit makelloser Synchronität mitschwingenden Begleitern Sergio Ciomei (Cembalo) und Petr Skalka (Cello) aufzuteilen waren. Auch bei der Frage nach der B-Note waren die Kunstrichter geteilter Meinung, denn Steger ist ein Nigel Kennedy der Blockflöte, der in seinem Ausdruckwillen den gezielt eingesetzten harschen, ja hässlichen Ton nicht scheut. Jubeln konnten die Lehrer, die ihre Schulklassen in die Philharmonie geschleust hatten: Cooler als Steger kann man eine Corelli-Sonate auf der Blockflöte nicht spielen. Fluchen wird dagegen der Tontechniker, der dieses Konzert der Reihe "Debüt im DeutschlandRadio" bearbeiten muss - falls es nämlich geboten sein sollte, die überlauten Atemgeräusche herauszuschneiden. Dankbar war der Kritiker jedenfalls dem Cembalisten und dem Cellisten, dass sie mit ihren klar und feinsinnig dargebotenen Solobeiträgen einen ruhigen Kontrapunkt zu Stegers erfrischend rasenden Manierismen setzten.

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