Kultur : Rückblick: Klassik I: Trauerton

Uwe Friedrich

Sichtlich erschüttert trat Franz Xaver Ohnesorg vor dem Konzert auf das Podium und bat das Publikum, nicht zu applaudieren. Das hat nicht vollkommen funktioniert, zu stark ist offenbar auch in Ausnahmesituationen das Ritual des Konzertabends. Der New Yorker Pianist Peter Serkin hatte sich entschlossen, sein Festwochenkonzert im Kammermusiksaal nicht abzusagen. Er hat Schönbergs Miniaturen und Haydns Variationen gespielt, obwohl Verwandte von ihm im World Trade Center beschäftigt waren, über deren Schicksal er selbstverständlich keine Informationen haben konnte. Peter Serkin gelang dann ein herausragender Konzertabend, der sich seltsam dem ästhetischen Urteil entzieht. Schon die Drei Klavierstücke Opus 11 fächert er zu weit über die kleine Form hinausgreifenden Werken auf. Die Minimalkompositionen atmen noch den parfümierten Duft der Spätromantik, bleiben aber durch äußerste Delikatesse stets nur die Ahnung betäubender Klangwolken. Die Sinne bleiben frei, um Zusammenhänge herzustellen mit den anderen, lose zusammengefügten Klavierzyklen Opus 19 und Opus 23, mit der Klaviersuite und den beiden kleinen Stücken Opus 33 a und b. Wer ein wenig fernhören kann, dem hat sich der innere Zusammenhalt, die konsequente Entwicklung von Schönbergs Stil selten so einleuchtend erschlossen. In dem ernsten Programm gewinnen auch Joseph Haydns f-moll-Variationen an Tiefe. Zwar ist Haydn kein Exerziermeister und die Doppelvariationen atmen durchaus auch Heiterkeit, doch färbt Serkin die weich schwebenden Triller melancholisch ein, gibt den Charakterveränderungen einen gelassenen Trauerton. Den Abend bewältigt Peter Serkin mit ungeheurer Konzentration, mit feinfühliger Fokussierung auf den Ausdrucksreichtum der Musik. Eine kostbare, eine zerbrechliche Insel, die Künstler und Zuhörer in der Verstörung eint.

0 Kommentare

Neuester Kommentar