Kultur : Rückblick: Klassik II: Herzton

Eckart Schwinger

Den schwersten Brocken hatte dem Arnold-Schönberg-Trio der Namenspatron des Ensembles beschert. Das ebenso wild zerfurchte wie ätherisch zarte Streichtrio Opus 45, eins der rätselhaftesten Werke des Komponisten, entstand 1946, nachdem Schönberg einen schweren Herzanfall erlitten und bereits die Schwelle zum Tod überschritten hatte. Eine Injektion direkt ins Herz holte ihn noch einmal ins Leben zurück. Dieses extrem schwierige Stück reflektiert die Todesnähe in einigen noch immer leicht erschreckenden wie traumhaft anrührenden Klangbildern. Wohl nur Streichern vom Range eines Rainer Kussmaul, Wolfram Christ und Georg Faust können sich an ein so undurchdringliches Stück heranwagen: eine fesselnd klare und expressive Deutung des Unfassbaren. Sie stellten ihre Fähigkeit unter Beweis, Kompliziertes einfach und durchschaubar zu machen und berührend zu vermitteln. Da wurde auch seitens des Arnold-Schönberg-Trios unter Beweis gestellt, wie sehr bei Schönberg mit der wachsenden Komplexität der kompositorischen Struktur und Spieltechnik eine unerhörte Ausdruckstiefe einhergeht. Der Reiz dieses Festwochenabends im Kammermusiksaal der Philharmonie lag darüber hinaus in der Begegnung mit ebenfalls weniger bekannten Werken von drei illustren Schönberg-Zeitgenossen, die ebenfalls in die Emigration getrieben beziehungsweise wie Webern in der Heimat mit Aufführungsverbot belegt wurden. Da hatte man Vergnügen an Ernst Kreneks zwölftönigem Glasperlenspiel, dem filigranen Trio namens "Parvula corona musicalis ad honorem J. S. Bach" (1950), bei dem das B-A-C-H-Motiv sogleich in die Reihe eingewoben ist - oder an dem märchenhaft schillernden, nur wenige Takte langen Triosatz (1925) von Anton Webern. Bei aller spielerischen Noblesse blieb nur Ernst Tochs Trio von 1936 weitgehend unverbindlich und langatmig obendrein. Um so tiefere Spuren hinterließ der Festwochenstar Schönberg mit seinem geheimnisumwitterten Trio.

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