Kultur : Rückblick: Klassik: Matchball

Felix Losert

Ein "Match mit Gershwin" sollte im Kammermusiksaal der Philharmonie stattfinden. George G. gegen Arnold Schönberg! Einmal hat diese Treffen schon stattgefunden, 1936 auf einem Tennisplatz in Los Angeles. Nun, im Konzert des Rundfunkchors stehen sich die beiden mit ihren Kompositionen gegenüber. Hier geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, das breite Spektrum des musikalischen Amerika in ein einziges Konzert zu bannen. Eine gewagte Kombination: zunächst der Chor a capella mit späten Stücken von Schönberg wie dem bis zu verzweifeltem Schreien gesteigerten "De Profundis" oder den "Drei Volksliedbearbeitungen" im Stil alter Meister. Dann übernehmen die Gershwin-Spezialisten Kim Criswell und Wayne Marshall die Staffel und versuchen die tiefernste Stimmung mit Gershwin-Songs ruckartig aufzuhellen. Marshall möchte die aufeinander treffenden Tonwelten mit seinen Klavier-Fantasien über Gershwin-Themen verbinden. Aber sie erinnern eher an Rachmaninov denn an Oskar Peterson. Der neue Chefdirigent des Rundfunkchors, Simon Halsley, mildert die Kontraste, indem er die dunkle Expressivität der Chorstücke wie aus der Distanz betrachtet. Er lässt etwa die Chorfassung des "Adagio" von Barber fast doppelt so schnell wie gewohnt ablaufen. So können sich die scheinbar banalen Details zu eleganten, großbogigen Linien sammeln. Der Chor ist bei Gershwin zunächst nur Statist, singt brav einige Refrains mit. Aber der kühle Saal wird schließlich doch noch zu echter Broadway-Atmosphäre aufgeheizt, und der Chor darf nach hervorragend getaner Arbeit mitswingen - und sogar tanzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar