Kultur : Rückblick: Klassik: Weichenstellung

Ulrich Amling

Musterschüler arbeiten vor: Noch bevor Simon Rattle das Lernziel "Alte Musik" ausgab, hatten sich vereinzelte Philharmoniker auf die Reise in den Barock gemacht. Um den Cellisten Götz Teutsch gruppierte sich ein Ensemble, dass nicht einfach auf Darmsaiten loskratzte, sondern stilistische Nachhilfe von Experten in den Kammermusiksaal einlud. Die neueste Ausgabe dieses Workshops für Musiker und Zuhörer entdeckte norddeutsche Vokalmusik des 17. Jahrhunderts. Mit Konrad Junghänel, dem Lautenisten und Leiter von Cantus Cölln, war erneut eine ideal-integrative Künstler-Persönlichkeit zu Gast, als Konzertmeister fungierte Bernhard Forck von der Akademie für Alte Musik. Gerade zu Beginn, in Dietrich Buxtehudes archaischer Kantate "Gott, hilf mir", lief da noch viel nebeneinander her, wollten sich Tempovorstellungen und Phrasierung nicht immer decken. Welche unterschiedlichen Temperamente in dem schmalen Klangkörper zusammenprallten, zeigte sich im Gegenüber der Viola da Gamba-Spieler - des bis zur Tonlosigkeit expressiven Akademie-Mitglieds Jan Freiheit und des edel kontemplativ gestimmten Philharmonikers Teutsch. Junghänel suchte die Extreme moderierend in Szene zu setzen und verließ sich ansonsten auf die Klasse seiner Sänger. Cantus Cölln führte in atemloser Makellosigkeit vor, wie sophisticated man ein Repertoire singen kann, dass dem harschen Tod mit geradezu volkstümlicher Direktheit entgegentritt - auch wenn der Bach-Kantate "Christ lag in Todesbanden" damit vorzeitig der musikalische Stachel gezogen wurde. Ein disparates Konzert, doch ein spannender Blick in die Stil-Werkstatt. Und zum Pflichtfach wird Alte Musik ja erst im nächsten Jahr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben