Kultur : Rückblick: Klassik

Carsten Niemann

Kurios, dass man Michala Petri gelegentlich vor den Angehörigen der Alte-Musik-Szene verteidigen muss. Dabei ist die Blockflöte, auf der die Dänin seit Jahren an der musikalischen Weltspitze brilliert, ganz und gar der Epoche des Barock verpflichtet. Für sie ist die Blockflöte jedoch nicht nur das Sonderinstrument, als das man sie Barock geschätzt hat: geeignet zum Spiel im häuslichen Rahmen, aber sparsam einzusetzen in repräsentativen Musiken. Petris Leistung ist es, aus der Blockflöte ein Virtuoseninstrument gemacht zu haben, mit dem sich ganz im Geiste des 19. Jahrhunderts durch zur Schau gestellte Virtuosität und klangliche Präzision große Säle füllen lassen. Die Originalklang-Ästhetik meidet sie daher und sucht eher die Nähe zu Grenzgängern wie Keith Jarrett oder den Hütern des gepflegten Schönklangs wie dem Guildhall String Ensemble. Mit diesem Streicherensemble war sie denn auch am Freitag im Schauspielhaus zu hören. Mehr noch als durch das wie mit einem winzigen Meißel in die Luft gehauene Passagenwerk berührte die Petri mit ihrem charakteristisch kühlen, entrückten und dabei singenden Ton. Seltsamerweise war es das kompositorisch gar nicht übermäßig originelle C-Dur Konzert des Barockmeisters Telemann, das diese Art des Vortrags am besten trug. Konnte also selbst der Originalklang-Freund seine Freude am schwebenden Blockflöten-Wohlklang haben, wollte das übrige Barockprogramm der Guildhall Strings nicht ganz überzeugen. Ein Concerto grosso von Händel, bei dem klangliche Ecken und Kanten sauber abgerundet wurden, Vivaldis "Vier Jahreszeiten" mit Hagelschutzversicherung - das mag gut zum Nebenbeihören im Auto sein, für das Konzertpodium war es auf die Dauer etwas zu wenig.

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